25. Sep. – eine Woche vor der Premiere

Flirren

Eine Vision soll die Gesellschaft verändern, soll wachrütteln und beeindrucken, einfach geil sein. Aber keine miesen Kompromisse. Keine matten Entscheidungen. Keine Anbiederungen.

Wie kommt man gemeinsam auf einen Nenner, wenn man nicht durchblickt, wie die oder der andere tickt?  Wie sich mitteilen, wenn die oder der andere nicht mitdenken kann? Oder alles missversteht?

Schreien hilft, stellt man fest. Magie auch.

Der eine trägt eine große Botschaft in sich. Der andere will den Hirnfick. Eine will nicht belächelt werden. Einer hat eigentlich gar nichts zu sagen. Aber warum dann auf einer Bühne stehen?

Braucht die Bühne eine Botschaft? Wenn ich auf der Bühne stehe als ich selbst, meine ich dann alles was ich sage?  Darf ich langweilig sein?  Kann ich dafür belangt werden? Verändere ich etwas, wenn ich lüge? Ist eine Lüge gefährlich für das Publikum? Glaubt das Publikum alles was ich sage? Hasst das Publikum mich, wenn ich es beschimpfe? Will ich jemanden aus seiner Illusion befreien, auch, wenn er danach vielleicht unglücklich ist?  Und was ist eigentlich der Unterschied zwischen Theater und RTL?

Die Bühne als größte Möglichkeit und gefährlichster aller Orte.

 

 

13. September

Real Demokratie

Es soll hier natürlich nichts über das Stück verraten werden. Nur so viel: es bleibt oder wird verstärkt demokratisch.  Die geplante Arbeitsweise der demokratischen künstlerischen Forschung, gibt dem Stück grade jetzt seine Form und sorgt für aufregende Proben mit sehr offenem Charakter.

Der Sturm der Ideen. Die Langeweile der Probe. Der Gewalt der Dispute. Viel Köche verderben den Brei. Wer setzt sich durch? Wer kann was vertreten? Präsent sein ohne gesehen zu werden.

 

 

 

 

 

 

 
 

10. Workshop 13. August 2016

Kontrolle

Was ist süchtiges Verhalten?

Jeden Tag das gleiche einkaufen.

Jeden Tag in einem anderen Supermarkt einkaufen, um nicht aufzufallen.

Nur eine bestimmte Ration einzukaufen, damit man nicht mehr gebraucht als sonst.

Zu husten damit nicht auffällt, dass man eine Dose öffnet.

Schweiß auf der Stirn zu bekommen, wenn die letzte ausgeht und die Läden geschlossen sind.

Die Dosen in der Tasche in Kleidung einzuwickeln , damit sie nicht klimpern.

Einen Schluck zum Schlafen, einen Schluck zum Aufwachen.

Sich zu schämen. Sich zu freuen.

Die Freude auf den immer gleichen Ablauf.

Der Hass auf den immer gleichen  Ablauf.

Ist es schlimm nach etwas süchtig zu sein, das einem nicht schadet?

 

 

9. Workshop 11. Aug.

Ab heute sind  Florian und ich bis Oktober in Stuttgart. Die letzten Workshoptage, dann das Abschlussprojekt.

Auf der Strasse. Ich treffe auf Alice. Im Rucksack € 800,- in Bar, um die gleich die Miete zu bezahlen, gehe ich mit einem etwas mulmigen Gefühl zur Paule, dem Abhängort der Szene.

Vor einer Stunde sah ich sie dort, grade sehr aktiv in eine Schlägerei verwickelt ich erwarte nichts gutes aber wer weiß wann ich sie wieder antreffen. Ich stehe vor ihr, sage ihren Namen, sie schaut mich an, erkennt mich nicht erst nicht. Dann weint sie. „Ich bringe mich heute Nacht um. Kannst du das akzeptieren? Ich verabschiede mich noch.“

Ich umarme sie, sage „Süße, das wird wieder.“ Sie stößt mich weg. „Geh einfach“, sagt sie.

Ich gehe. Lasse das zerstörte Gesicht, mit wieder einem Zahn weniger zurück. Ich bin zerrüttet und ganz gelassen. Ich werde morgen wieder nach ihr schauen.

Zwölf Monate Junkiefreundschaft habe mich ganz schön abgehärtet. Alice ist Unkraut, sie wird nicht sterben. Die Drogen lassen es nicht zu.

 

 

 
 

7. Workshop

 

„Wenn die Geschichte tot war, die Zukunft tot, das Subjekt tot, das Wissen tot, und es trotzdem irgendwie weder tot noch lebendig weiterging, dann bot es sich an, diesem Dauerzustand einen Protagonisten zugeben: Der Zombie war wie geschaffen dafür.“ Frank Wulf

Nach eine Reihe von Experimenten zum Thema Rausch und dem Übertragen von Gefühlen in Materie geht die Suche etwas konkreter weiter.

Eine gemeinsame Visionssuche ist geplant. Was wollen wir, was will eigentlich jeder einzelne auf der Bühne sehen? Wie sehe das bester Theaterstück aller Zeiten aus? Die Nicht- Künstler brauchen jetzt doch auch mal eine künstlerische Identität. Und die geben wir Ihnen durch klug Fragen zu stellen. Mal sehen….

Die erste Idee: Zombies.

Scheinbar gibt es eine geteilte Zombiefaszination. Das Gefühl sich selbst „als Zombie zu fühlen“, auf Droge, in der Sucht, im Entzug bestätigen alle.  Aber ist das Leben nach dem Rausch und ohne die Droge besser?

 

 

 

 

 

 

10. April 2016, Stuttgart 4. Workshop, 2. Tag

Komfortzone

Ich warte bis die Bombe platzt. Mitternacht ist durch, Bierdurst stellt sich ein. Verlangen, ständiges Verlangen. Ein Verlangen nach Rausch. Vielleicht ist es ein Kribbeln. Ein Verlangen nach mehr Rausch. Vielleicht ist es eine Ohnmacht. Was ist schon normal? Das Vergessene bleibt nur als eine Ahnung, jedoch allein, jetzt allein, für immer allein. Vielleicht ist es mein Schicksal, vielleicht ist es normal. Will mich eigentlich in der Tiefe des Traums vergessen, normal. Will eigentlich schlafen, doch es ist zu spät dafür. Hilflos blicke ich zurück auf die bloße Ahnung, die übrig ist und bleibe doch hilflos. Was bleibt ist der Vergleich. Das Vergessene, zum Schicksal, zur Hoffnung, zur Ahnung, zum Vergleich, zum Anfang. Regen prasselt gegen meine Scheibe. Ein Fenster zur Welt geschlossen. Es ist Nacht. Die Erinnerung an einen Traum. Die Poesie, der Kreislauf, Verhängnis, Täuschung, Aufzählung, Ende.

Text von B.

Schwitzhütte: Bau- und Betriebsanleitung

Material:
7 Weidenruten, Schnüre, 10 Decken, ein feuerfester Eimer, eine feuerfeste Schaufel, Brennholz, Steine, Stroh, eine Wasserschüssel, ein Schöpflöffel, Salz.
7 Weidenruten schneiden (1x 4,5m, 4x 2,5-3m, 1x 4m, 1x 2m).
Feuerfeste Flusssteine sammeln (15-20 Stück)
Einen ebenen Platz steinfrei machen, säubern, glätten.
Den Platz nach den Himmelsrichtungen einmessen, und einen Kreis ziehen (1,5m Durchmesser)
Rechts von der S-O Richtung knapp innerhalb des Umfangs ein Loch ausheben (50cm tief)
2 Weidenruten von 2,5-3m Länge biegen, in N-S und O-W Richtung in den Boden stecken, und oben zusammenbinden.
2 weitere Weidenruten von 2,5-3m Länge biegen, genau zwischen den anderen Weidenruten in den Boden stecken, und oben mit den anderen verbinden.
Eine Weidenrute von 4,5m Länge von der im Süden gelegenen Weidenrute am Boden entlang rund um die andern Ruten biegen, bis zu der im S-O befindlichen Rute, und mit Schnüren befestigen.
Eine weitere Rute (4m) im Drittel der Höhe der Hütte wieder von der Rute im Süden horizontal um die anderen Ruten biegen bis zu der im S-O befindlichen Rute.
Die letzte Ruter (2m) im oberen Drittel horizontal um die anderen Ruten biegen und befestigen.
Stroh auf den Boden der Hütte aufbringen.
Das Weidengerüst mit Decken überlappend belegen.
Eine Decke als Tür über die Eingangsöffnung hängen, und nach hinten mit zwei Schnüren, an denen Steine hängen, befestigen.
Im Süden der Hütte Feuer machen.
In das Feuer die Flusssteine legen, und zum Glühen bringen.
Mit einer Schaufel die glühenden Steine in den Eimer füllen, in die Hütte tragen und in das Loch leeren.
Die Wasserschüssel mit kaltem Wasser und Salz in die Hütte bringen.
Entkleiden und im Kreis in die Hütte setzen oder hocken.
Von innen die Decke über die Eingangsöffnung ziehen.
Wasser aus der Schüssel auf die glühenden Steine gießen.
Bei Bedarf Wasser aus der Schüssel über den Kopf gießen.

 
 

2. April 2016, Berlin

Vorbereitung

Flo und ich entscheiden uns im nächsten Workshop die TeilnehmerInnen zu bitten, ihre Biographien auf die Bühne zu bringen. Es interessiert uns dabei, welche Narrative und welche Darstellungsformen die TeilnehmerInnen anwenden werden. Unser Wunsch ist es, über dieses Material zum einen mehr über die Hintergründe der einzelnen zu erfahren und ihre „Geschichten“ zu sammeln wie in einem Archiv, zum anderen soll das Arbeiten auf der Bühne uns zu einer theoretischen Diskussion über den Bühnenraum als solchen bringen. Welche Macht hat die Bühne? Wie konstruiert sie Subjekte? Wer ist man, wenn man sich selbst auf der Bühne darstellt? Wie zerfällt Authentizität auf der Bühne? Wer ist man, wenn man unter einem bestimmten Label, z. B. als „Suchtkranker“, auf der Bühne steht? Was erwartet das Publikum auf der Bühne? Welchen Sehkonventionen unterliegt das Publikum und wie kann man diese brechen?

Distanz zu sich ist die Voraussetzung, dass der Mensch Würde erlangen kann.

Helmut Plessner „Zur Anthropologie des Schauspielers“

 

1. April 2016

Inspirationsexkurs

„Wenn ich auf der Bühne stehe, bin ich nicht ich, sondern ich spiele mich.“

„Riding on a cloud“ Rabih Mroué

Der maginalisierte Mensch auf der Bühne.  Wird bei der Wiedergabe des eigenen Leids, das Leid automatisch in einen bekannten Spannungsbogen eingegliedert? Oder kann die Darstellung dem gesellschaftlich abgestimmten Narrativ entweichen? 

In den Sophiensälen in Berlin läuft grade im Rahmen der Schwabensause eine Installation von SORTIERT EUCH!, die Kunstaktion, die ich im letzten Jahr mit Monster Truck am Theater Rampe gemacht hab. Bei SORTIERT EUCH! fing alles an. SORTIERT EUCH! ist die Geburtswiege von I’VE SEEN THE DARK.

Parallel läuft im Hebbel am Ufer eine Retrospektive von Rabih Mroué. Ich sitz jeden Tag ca. vier Stunden im Theater. Rabih Mroués Arbeiten inspirieren mich sehr für das Projekt I’VE SEEN THE DARK. Die Arbeiten sind vom Grundaufbau schlicht. Meist bestimmt eine Grundidee die Stücke, innerhalb dieser Grundidee entfaltet sich dann eine Vielzahl von Bedeutungsebenen. In „The missing employee“ rekonstruiert Mroué anhand von Zeitungsartikel das mysteriöse Verschwinden eines einfaches Angestellten. Auf der Bühne sehen wir Mroués Torso als Projektion, über einen anderen Beamer von oben die Zeitungsartikel. Auf der Bühne sehen wir sehen also Abbildungen, konstruierte Bilder. Die Bühne ist immer ein Ort der Konstruktion, gerade im dokumentarischen Theater. Sie exponiert, wählt aus und wertet. Indem dieser Vorgang auf der Bühne reproduziert und zu thematisiert wird, entsteht gleichzeitig ein Kommentar auf unsere Wahrnehmung von Realität. Realität, wie z.B. politische Zusammenhänge werden durch Medienproduktion und normative Wahrnehmungsmuster auch immer in einer selektierten Form wahrgenommen. 

Mroué fungiert in dem Stück als Forscher und Erzähler. Er erforscht eine Geschichte und berichtet uns chronologisch von seinen Forschungsrecherchen, dabei kommentiert er die einzelnen Ergebnisse mit einer Haltung der äußersten Wichtigkeit und Genauigkeit, wobei er gleichzeitig die Geschehnisse seltsam aneinanderreiht und kommentiert, so dass die Dokumentation ad absurdum geführt wird. Es entsteht eine Art Fake-Dokumentation. Dieses dokumentarische Festhalten zeigt die Unmöglichkeit der Wiedergabe der Realität.

In einem anderen Stück, „Riding on a cloud“ berichtet der Bruder von Mroué aus seinem Leben. Er ist ein Opfer des Krieges, angeschossen mit siebzehn. Seitdem lebt er mit diversen Behinderungen. Zu Beginn des Stücks sagt er : „Ich bin nicht ich, ich spiele mich.“ Der Ort des Theaters ist auch ein Ort, an dem das Ich etwas anderes sein kann. Sein Ich wird im Verlauf des Stücks zerlegt, über Tonbandaufnahmen und Videomaterial. Seine Geschichte wird dadurch zu einer größeren Geschichte. Eine Geschichte über Krieg, Biographien, Einzelschicksale, Politik und Theater. Das Stück zeigt, wie wenig man an das Leben des Einzelnen herankommt. Es entsteht eben kein allgemeingültiges Narrativ. Sondern ein fragmentiertes Bild eines Mannes, der genauso gut ein anderer sein könnte.

 

22. März 2016, Berlin

Krankheiten

„Ich bin ja schizophren.“

„Ich habe ADHS.“

„Ich bin herzkrank.“

„Meine Rippen sind gebrochen.“

„Meine Freundin hat Multiple Sklerose.“

„Ich habe Epilepsie.“

„Ich habe nur noch ein Jahr zu leben.“

„Ich habe Diabetes.“

„Ich bin psychotisch.“

„Ich bin manisch-depressiv.“

„Ich habe Hepatitis C.“

„Ich bin HIV-positiv.“

„Ich bin psychotisch.“

 

11. März 2016, Berlin

Theater

Flo und ich treffen uns, um den Workshop vorzubereiten. Dieses Mal erarbeiten wir ein richtiges Programm. Das war der Wunsch der Gruppe beim letzten Mal. Uns kommt das sehr gelegen, verschafft es uns doch den Vorteil, unsere Frage untersuchen zu können. Das Schöne an der demokratischen Arbeit ist die Vielfältigkeit, der Nachteil, dass die eigenen Fragen und Belange hinten anstehen. Jetzt können wir einfach machen, was wir wollen. Freiheit oder Zwang?

Wir beginnnen damit, theatrale Grundprinzipien zu untersuchen: den Raum, die Körper im Raum, Text und seine Macht der Zuschreibungen, sowie die Konstruktion und Dekonstruktion von Subjekten durch den Ort der Bühne.

Es entsteht eine Diskussion über die Herangehensweise. Ich finde ein Warm-Up wichtig, um den Körper in Bewegung zu erleben. Wir haben uns in den letzten Workshops intellektuell und emotional kennengelernt, jetzt werden auch die Körper wichtig. Die Körper von Ungeübten und gerade ihr ungeübtes Agieren wird den Reiz der Betrachtung ausmachen. Florian sieht den Laien in seiner „Laienhaftigkeit“ durch einen Übungsvorgang wie ein Warm-Up bedroht. Er ist dagegen, Bewegungen zu üben; wie auf einer Schauspielschule.

„Warm-up? Warum? Ich bin doch schon warm.“

Flo 

Ich sehe das anders. Natürlich soll hier keiner zum Schauspieler herangezogen werden. Es geht mir darum, sich und andere innerhalb des eigenen physischen Vokabulars kennenzulernen und auszuprobieren. Dabei geht es um Wahrnehmung und den Abbau von Angstschwellen, mit dem letztlichen Ziel zu experimentieren. Ich will da niemandem etwas beibringen, sondern den Motor anschmeißen.

 

5. März 2016, Berlin

Blog-Krise

Ich weiß nicht mehr, warum ich diesen Blog schreibe. Der Ursprungsgedanke war das Selbst-Experiment. Ich als Künstlerin mache ein Projekt mit einer Junkie-Frau. Wir arbeiten ein Jahr miteinander und ich begleite diesen Prozess mit diesem Blog und beschreibe ihn von Innen heraus.  Jetzt ist Alice weg und es gibt eine Gruppe von Menschen, es gibt Flo. Das Projekt ist groß und etwas unpersönlich. Wir sind mehr wie eine Arbeitsgruppe, die sich hin und wieder austauscht. Ich würde das gerne ändern. Ich möchte mehr gemeinsam erleben, teilen, austauschen, arbeiten. Worin liegt die Radikalität diese Projektes? Das Risiko? Gerade ist alles sehr geschützt und sicher. Wir forschen ohne Risiko.

 

14. Februar 2016, Berlin

Neue Richtlinien

 

1. Eine neue Form der Kommunikation. Es gibt eine Redezeit, die durch eine Eieruhr/Stoppuhr beschränkt wird.

2. Der Mittelweg zwischen „Rumeiern“ und Kontrolle ist der Begriff SPIELEN. Es soll spielerischer an Themen gearbeitet werden.

3. Florian und ich erhalten den Auftrag, den nächsten Workshop zu leiten. 

 

 

13. Feburar 2016, Stuttgart 2. Workshop, Tag 2

Spannung

Wir berichten wir alle von unseren Träumen. Ein Alptraum jagt den nächsten. Wir kommen zu folgenden Einsichten: Träume im Rauschzustand haben eine andere Qualität als Träume im nüchternen Zustand. Träume aus Konsumphasen sind oft geprägt von Angst, körperlicher und physischer Gewalt gegen sich selbst oder durch und an anderen. Der eigene Körper ist in den Träumen oft heftigen Veränderungen ausgesetzt. Lähmungen treten auf, man steht dem Körper ohnmächtig gegenüber. Eine interessante These ist, dass die Gefühle während des Konsums betäubt sind und die Psyche sich in den Träumen ihre emotionale Bewegung grausam zurückholt. Träume in cleanem Zustand handeln oft von Suchtdruck, Rückfällen und Exzessen.  Über die Bedeutung der Träume gibt es ganz unterschiedliche Auffassungen. M. sieht in ihnen Botschaften aus dem Jenseits, Informationen der „Askasha Chronik“, bei den Esoterikern das „Buch des Lebens“ genannt. Es enthält in immaterieller Form ein allumfassendes Weltgedächtnis. Andere vertreten eher den Freud’schen Ansatz, dass Träume Botschaften des Unterbewusstseins enthalten.

  „Ich spreche im Schlaf immer Latein, obwohl ich kein Latein kann.“

T.

Meine Frustration von gestern findet Gegner und Verbündete. Alle sind sich einig, dass wir es innerhalb eines Tages geschafft haben, eine derartige Vertrauensbasis herzustellen, dass wir alle offen über intime Gegebenheiten der eigenen Person zu sprechen wagen. Gleichzeitig taucht die Frage auf, wie wir innerhalb des Workshops zu etwas kommen wollen, wenn ständig wechselnde Teilnehmer anwesend sind, die Entscheidungen aber demokratisch getroffen werden sollen. Im Subtext scharren einige, wie auch ich, mit den Hufen. Wir halten als Frage fest: Wie gehen wir konstruktiv mit der Tatsache der wechselnden TeilnehmerInnen um?

Zwiebelartig entspannten sich im Laufe des zweiten Workshoptages einige Konflikte. Zuerst geraten H. und T. aneinander. Der strikteste Abstinente mit dem Wahlkonsumenten. Wer nimmt hier welchen Raum ein? Sind die Beiträge in konsumierendem Zustand zu abweichend, sowohl auf formaler als auch auf inhaltlicher Ebene? Es geht gleichzeitig um fehlende Selbstwahrnehmung und gekränktes Ego. Das Machtgefälle von gestern spinnt sich weiter. Einige der Abstinenten greifen die Konsumierenden direkt an, sich zu unsensibel in der Gruppe zu verhalten. Es folgen Zensurvorschläge betreffend abgefahrener Drogengeschichten. Über Vampire, die Blut mit Meskalien trinken, dürfe nicht mehr geredet werden.

Meine Herz rast bei dieser Diskussion. Ich habe Angst, dass die Konsumierenden den Workshop verlassen, weil sie sich zu sehr in den Ecke gedrängt sehen. Wenig später geht M. tatsächlich. Es sei ihr alles zu viel. Es gehe hier nicht um Konsum-Abstinenz, sondern um ein Ego-Probleme, danke. Wer bekommt hier wieviel Aufmerksamkeit? Plötzlich wird alles in Frage gestellt. Was machen wir eigentlich hier? Worum geht es? Wir produzieren nichts. Es tut sich ein Begriffspaar auf: „Rumeiern“ vs. Kontrolle. Wir wollen alle mehr Struktur, mehr Plan, mehr Führung, ohne dabei durch zu viel Kontrolle in blinden Aktionismus zu verfallen. Wundersam eröffnet uns diese Verkettung von Konflikten eine neue Perspektive für die nächsten Workshops. Endlich ist das Klischee einmal wahr: Konflikte bringen einen weiter!

„Irgendwie hat das Theater doch schon angefangen.

Ein Theater wie man ein Theaterstück macht.“

M.

 

12. Februar 2016, Stuttgart, 2. Workshop, Tag 1

Neue Mischung

„Wenn ich Gott höre, kriege ich so einen Hals. „

T. 

Der Promo-Tag wirft was ab. Es gibt drei neue Teilnehmer. H., der begeisterte Neuling aus der Clean-WG, und ein Freud von ihm aus der AA-Gruppe. Und – überraschenderweise – I., der gute Freund von Alice, mit dem ich letztes Jahr regen SMS-Verkehr hatte. Die neue Gruppe ergibt eine explosive Mischung. M. und T. sind die einzigen Konsumierenden und das ist deutlich spürbar. An diesem Wochenende prallen Welten aufeinander. H. und sein Freund C. bringen eine ganz neue Haltung mit in den Workshop. Beide sind starke Persönlichkeiten. H. hat eine fordernde  Haltung, die die Gruppendynamik in Wallung bringt. Die erste Reibung entsteht schon bei der Präsentation des Workshopkonzeptes. Dass unsere Arbeit vorerst nicht zielorientiert ist und wir in einer gemeinsamen demokratischen Recherche, Strukturen und Inhalt des Workshops gestalten, wirft vor allem H. aus der Bahn. Hatte er doch erwartet, dass innerhalb des Workshops konkret an einem Stück geprobt wird und er direkt seine Ideen zu einem Stück umsetzen kann. Er verlässt wütend den Raum. Der Ton für die anstehenden zwei Tage ist gesetzt. Wir entscheiden uns mit einer ganz knappen Abstimmung gegen das Thema Authentizität und für das Thema Traum als Leitfaden für den Workshop.

Florian und ich konfrontieren die Gruppe mit den neuen Vorgaben der Caritas, dass während des Workshops nicht öffentlich konsumiert werden darf. Die Neuen reagieren empört darauf, dass so eine Ansage überhaupt gemacht werden muss. Ist das nicht eine Selbstverständlichkeit? Plötzlich entsteht so etwas wie ein Machtgefälle, die Cleanen fühlen sich den Konsumierenden moralisch überlegen. M. und T., die beiden Konsumierenden, fügen sich unterwürfig, betonen aber alle paar Minuten wie „entzügig“ sie sind. Unterschwellig tut sich ein Konflikt auf, der letztendlich das Metathema des Workshop sein wird.

Irgendwie deprimiert sitze ich später in meinem Hotelzimmer und frage mich, was wir denn den ganzen Tage gemacht haben. Ich entscheide mich dieses Feedback auch an die Gruppe zurückzugeben. Ich mache mir Sorgen, dass die TeilnehmerInnen unbefriedigt sind und diese ergebnislose Arbeiten dazu führt, dass keiner mehr kommt. Leistungsdruck.

 

11. Februar 2016, Stuttgart

Gott

10:00 Uhr

Es ist Promo-Tag. Wir essen uns durch die Caritas-Einrichtungen. Es gibt Frühstück im Sleep Inn, der Stuttgarter Notübernachtungsstelle. Viele habe hier ihren festen Wohnsitz. Es gibt Einbettzimmer mit Fernseher. Die Wäsche wird auf Wunsch gewaschen. Mehrere Caritas-Mitarbeiter haben hier ihr Büro, auch Marvin unser Projektpartner vom Projekt Plus. Immer wieder trifft man Menschen, die eine Unmenge von Plastiktüten ins oder aus dem Sleep Inn schleppen. Auch Alice stand damals so vor der Tür, als ich sie abholte, um sie auf die DEMOs zu bringen. Nachts gibt es nur den Sicherheitsdienst. Einige, auch Alices Mann, sind hier an einer Überdosis gestorben. Ich frage Marvin, ob ich mal eine Nacht im Sleep Inn übernachten kann, probehalber.

Ein russischer Mann erzählt mir von den Nephilim, den Riesenmenschen. Gefallene Engel, Mischwesen, halb Mensch – halb Engel. Meist von böser Natur, mit der Gabe Dämonen zu töten. Bei archäologischen Ausgrabung fand man im 19. Jahrhundert tatsächlich riesenhafte Skelette. Für ihn ein Gottesbeweis. Ich treffe in der Szene ständig auf tiefgläubige Menschen. Der Russe hat immer eine Bibel dabei. M. aus unserem Workshop erzählt mir bei unserer ersten Begegnung direkt von ihrem einzigen Freund: Gott. H. spricht auch ständige von „seinem Herrn da oben“. Alice glaubt an Quantenphilosophie, an die Gleichzeitigkeit der Dinge, daran, dass alles durch eine kollektiv vibrierende Energie miteinander verbunden ist. Das Bewusstsein ist Teil dieser Energie und kann dadurch auch Materie umgestalten. Da, wo die Materie, die Umwelt, der eigene Körper versagt, vollzieht sich als Rettung der Glaube, als letzter Zugriff auf den Zerfall. Ich kann Alice immer noch spüren, selbst nach so vielen Monaten. Kann ich mit meinem Bewusstsein ihre Materie gestalten? 

Wieder am Tisch im Sleep Inn. Ein junger Mann ist besonders begeistert. Er hatte sich am Abend zuvor das Stück „Sündenbock“ in der Rampe angeschaut und sich sehr gut mit Martina verstanden. Euphorisch schwärmt er davon, sich in der „Rakete“, der Bar von Theater Rampe, als Barmann zu bewerben. Er ist ein Koksjunkie. Mehrere sind begeistert, versprechen zu kommen, wollen unbedingt dabei sein. Real kommt am nächsten Tag niemand zu dem Workshop.

12:00 Uhr

Am selben Vormittag in der Leopoldskirche. Hunderte von Obdachlosen und Bedürftigen behausen die Kirche und sättigen sich, an langen Tischen sitzend, an einem gratis Mittagessen. Einige rege im Gespräch, andere sitzen stumm da. Auf den Kirchenbänken schlafen Menschen. Ich denke an Krieg. Auf dem Altar liegt die Bibel aufgeschlagen.

Jeremias Klage und Trost

1. Ich bin ein elender Mann, der die Rute seines Grimmes sehen muss.

2. Er hat mich geführt und gehen lassen in die Finsternis und nicht ins Licht.

3. Er hat seine Hand gewendet wider mich, und handelt gar anders mit mir für und für.

4. Er hat mein Fleisch und meine Haut alt gemacht und mein Gebein zerschlagen. (…)

10. Er hat mich vermauert, dass ich nicht heraus kann, und mich in harte Fessel gelegt.

11. Er hat mich zerstückelt, er lässt mich den Weges fehlen

Am Ende wird doch alles gut.

22. Die Güte des Herrn ist, dass wir nicht ganz und gar sind. Seine Barmherzigkeit hat noch kein Ende. 

23. Sondern sie ist alle Morgen neu und seine Treue ist groß.

Vor der Kirche treffen wir auf einen alten Bekannten von der Paulinenbrücke, den Punker. Er ist voll „drauf“ und sehr in Rage. Neben ihm eine dunkelhäutige Frau, Mitte vierzig, die kaum deutsch spricht. Beide schimpfen über Flüchtlinge. Der deutsche Staat hat versagt. Die Flüchtlinge müssen weg.

„Wir leben auf der Strasse und die bekommen das Geld in den Arsch gesteckt? Mein Scheißleben wünsche ich meinem ärgsten Feind nicht.“ 

Punker

Sind die Junkies die neuen Rassisten? Ein Battle um die untersten Plätze. 

„Ich habe mir schon überlegt, ob ich mir ’nen Bart wachsen lasse und zum Islam konvertiere, dann krieg ich auch 600€ im Monat.“

T.

Mittags ein Gespräch mit Marvin und Rainer von der Caritas. Es gibt eine neue Auflage. Es darf in den von der Caritas mitfinanzierten Projekten nicht öffentlich konsumiert werden: keinen Alkohol, keine harten Drogen, keine Substitute. Raucherpausen sind erlaubt. Das werden wir morgen im Workshop diskutieren müssen. 

17:00 Uhr Clean-WG

Hier stelle ich in intimer Runde unser Projekt bei den Bewohnern vor. Drei von ihnen kenne ich bereits vom ersten Workshop. Es gibt einen neuen, sehr begeisterten Interessenten. 

 

10. Februar 2016, Kappeln an der Schlei

Krank

Die Premiere „Die Räuber“ von Schiller in der Schule Berlin ist überstanden. Ein voller Erfolg. Ich fahre für eine paar Tage an die Ostsee in meinen Tempel, wie ich das Ferienhaus meiner Eltern nenne. Trotz Krankheit und Urlaub, bastle ich mit den Jungs von Panorama an unserem Flyer und dem Blog-Design. Dann werde ich so krank wie seit Jahren nicht mehr. Eine Migräne fesselt mich tagelang in der Dunkelheit ans Bett. I`ve seen the dark!

 

11. Januar 2016, Stuttgart

Design

Wir treffen uns mit Sarah von der Presse und Simon und Armin von Panorama, dem Hausdesignbüro der Rampe. Das Projekt „I´ve seen the dark“ wird ein „coporate design“ bekommen für Druck und digitale Medien, wie Flyer, Poster und den Blog. Entwürfe folgen hier in Kürze.

Dann geht`s wieder zurück nach Berlin. 

 

10. Januar 2016, Stuttgart 1. Workshop, Tag 2

Nüchternheit?

„Sucht ist ein decodiertes , das heißt verdunkeltes
und entsprachlichtes Verlangen nach Befreiung vom
Existenzzwang. Sie ist der Ernstfall der Privatreligion.“
Peter Solterdijk 

11: 00 Uhr

Alle sind wieder da. Nur M. fehlt, was mich nicht überrascht. Kenne ich ja schon von Alice. B. hat einen eigenen Text mitgebracht. Er sagt, er war nach dem ersten Workshop-Tag ganz „wuschig“, was ein gutes Zeichen zu sein scheint.

„In Wahrheit braucht kein Mensch einen Sinn zu leben.“
B.

Die Gruppendynamik ist erstaunlich gut, obwohl wir so eine heterogen Gruppe sind. Alle sind total begeistert von dem Text und davon, dass B. sich traut seinen Text vor der Gruppe vorzutragen. Das Ganze hat etwas von einer Selbsthilfegruppe. Brauche ich vielleicht auch Hilfe? Wir sprechen lange über den Rausch und verschiedenen Erlebnisse der Einzelnen im Rausch. Warum berauschen wir uns? Welche unterschiedlichen Formen des Rausches gibt es?  Ist es der Rausch sinnvoller, wenn ich weiß, warum ich mich berausche? Wie kann ich mich ohne Drogen berauschen? Durch Arbeit, Liebe, Entzug. Das Clean-Sein als euphorischer Trip. Sollten wir immer berauscht sein?

Am Ende kommt eine Frage, bei der alle die Luft anhalten. Lohnt es sich für die Klarheit der Nüchternheit den Rausch aufzugeben und ist die Nüchternheit wirklich attraktiver als der Rausch?  Bravo, gleich im ersten Workshop.

„Ich stelle mir ganz oft die Frage, was mir lieber wäre: ein Leben lang einen klaren Kopf haben oder ein Leben lang verballert sein. Da muss ich ganz ehrlich sagen, ich bin mir nicht sicher, ob ich den Verballerungszustand nicht doch angenehmer finde.“
C.

Das Wertesystem kommt ins Wanken. Die Konsumierenden sind die Mutigen und die Kreativen und die Abstinenten die Ernüchterten. Bewegen wir uns jetzt in gefährlichem Gewässer für die Abstinenten? Werden jetzt alle rückfällig? Und was bedeutet das dann für unseren Workshop?

 

9. Januar 2016, Stuttgart 1. Workshop, Tag 1

Bier und Zigaretten

10:00 Uhr

Florian und ich gehen zur Paulinenbrücke, um noch ein paar Leute aus der Szene zum Workshop einzuladen.

Wir treffen dort auf T., ein Typ in meinem Alter. Wir kommen ins Gespräch und er ist sofort begeistert und will mitkommen, vorher nur noch kurz einen Joint rauchen.  Etwas später stößt M. dazu und fragt Steffen, ob ich seine Freundin wäre.

M.: „Du hast doch immer blond.“

M. will auch mit, sie hat eh nichts besseres zu tun sagt sie. Wir sind schon zu viert. Dann geht das Warten los. Erst wird der eine Joint gedreht, dann der nächste, noch ein Bier, noch eine Zigarette. Das kenne ich von Alice. Mit dem Druck steigt der Konsum. Darum bleiben wir cool, drängen nicht, warten einfach und trödeln dann, begleitet von Musik aus M. Minimusikbox mit einem Zwischenstop bei Netto (Biernachschub) zur Rampe. Sarah unsere Assistentin hat den Rest der Leute schon in Empfang genommen. Es sind, wie erwartet zwei Männer und eine Frau aus der Clean- WG da und Marvin unser Kollege von der Caritas.

Wir treffen uns, sehr passend, im Weinladen der Rampe. (Ein kleiner Keller der von einem Weinhändler für Weinproben genutzt wird. Sarah hat vor dem Workshop alle Weinflaschen in Sicherheit gebracht.)

Bevor es los geht, wird erstmal ausgiebig geraucht. Nur Marvin und ich sind Nichtraucher, was mich irgendwie nervös macht. Die Gruppe rockt, das spürt man gleich.

Marvin spricht mich im Flüsterton an. „Wir müssen den Konsumierenden sagen, dass Sie hier nicht konsumieren dürfen.“ Ja, warum? Ich dachte der Workshop ist für alle, Konsumierende, Substituierte, Abstinenzwillige. Ich bitte Marvin, diese Entscheidung die Gruppe treffen zu lassen. Ich möchte nichts entscheiden, keine Regeln vorgeben. So sitzen drei Cleane, zwei mit einer vollen Bierflasche vor der Nase und Lyrika in der Tasche, und wir, das künstlerische Team, an einem Tisch.

Und nach ca. drei Zigarettenpausen kommt die Frage von allein: „Das ist doch scheiße für Euch, wenn wir hier breit sitzen, oder?“ Selbstregulierung.

Nach einer Vorstellungsrunde, einer kleine Konzepteinführung und einem Austausch über Erwartungen und Gespräche über Kameraangst, gehen wir schon zum Highlight des Tages über: dem Kochen.

Auf Augenhöhen im Kollektiv arbeiten ist eine der genannten Erwartungen. Das gemeinsame Einkaufen bietet hier schon mal richtig Stoff. Da prallen sie aufeinander, die Welten. Spagetti Bolognese wird es geben. Sarah und ich bestehen auf Biofleisch. Nadja besteht auf zwei Packungen Knorr Fix-Bolognese, davon lässt sie auch nach mehreren Überzeugungsversuchen nicht ab. Gut, kommt in den Einkaufswagen und auch Schmand muss dazu. Ich packe zum Ausgleich Biogemüse und frische Obst mit in den Einkaufswagen. Steffen ist inzwischen verloren gegangen, wir treffen ihn an der Kasse wieder. Er ist in einen Streit mit einer anderen Kundin verwickelt und wird des Ladens verwiesen. M. packt eine Dose Red Bull mit aufs Fließband, das braucht sie jetzt. Wir fallen auf im Rewe, man starrt uns an. Ich genieße das.iveseenthedark_floriankrauss-9047

Trotz oder wegen Knorr Fix gibt es das beste Essen, das ich seit langem gegessen habe. 

20:00 Uhr 

Florian, Sarah und ich schauen uns „Lucky Strike“ in der Rampe an, ein Stück unserer Kollegen von SKART. M. und T. kommen auch. Die beiden sind nicht mehr zu stoppen und erweisen sich als großartige Live-Stückkommentatoren. T. singt lauthals den Soundtrack des Stücks mit. Ich fühle mich frei und glücklich. Das Stück ist der Hammer aber ich weiß nicht, ob ich uns als Publikum nicht besser finde.

 

18. Dezember, Stuttgart

Der Startschuss

Wir sind in Stuttgart, im Astoria Hotel. Flo findet es optimal, sowie er alles liebt, was möglichst runtergekommen ist. Versteh ich nicht. Das Treffen heute ist super wichtig. Alles Kooperationspartner kommen zusammen, das erste Mal ist auch der Geldgeber dabei. Ich ziehe ein hübsches Kleid an. Putze mich raus, um meine Müdigkeit zu vertuschen. Trotz riesiger Freude pfeife ich aus dem letzte Loch. Ich arbeite zu viel, komme nicht hinter her. Florian ist hervorragend gelaunt. Guter Ausgleich. Martina Grohmann kommt aus Brüssel angeflogen, bester Laue, sie strotzt vor Energie.

Das Treffen läuft toll. Ich quatsche etwas zu abstrakt und Florian reißt das mit eine paar klaren Worten wieder raus. Martina überstrahlt alle mit ihrem Charisma. Alle sind happy. Ich überlege kurz, ob ich eine Kokskarriere beginnen soll, wäge die Fürs und Widers ab, lege mich dann einfach schlafen.

Am nächsten Tag sind wir an den einschlägigen Orten unterwegs und verteilen unsere Flyer mit mittelmäßigem Erfolg. Zwischen den Drogen, den Pissflecken, den netten Menschen mit Gehilfen, den Unansprechbaren und dem mit kleinen Schnapsflaschen geschmückten Baum steht plötzlich ein Kind. Mir stockt der Atem. Ein Mann kauft ein paar Pillen bei einem anderen, er ist der Vater des Mädchens. Das Mädchen ist ca. zehn Jahre alt. Sie wird freundlich begrüßt, man gibt ihr ein Bonbon. Irgendwie rührend, dass ein Junkie ein Bonbon in der Tasche hat.

Es gibt Gerüchte, Alice sei zwangsmäßig in die Psychiatrie an der Paule eingewiesen worden. Wir gehen sofort in die Klinik. „Münzenmayer? Unbekannt.“ 

Später im Zug geht mir das Mädchen von der Paule nicht mehr aus dem Kopf, ihr erwachsen wirkendes Lachen, ihree breite Nase. Sie hat vermutlich das fetanale Alkoholsyndrom, eine genetische Veränderung bedingt durch Alkoholkonsum in der Schwangerschaft.

Meine Vater hat mich auch mit zu seinen Drogendeals genommen. Ich stand als achtjährige tagsüber in einem leeren Kieler Club während mein Vater wahrscheinlich dealte. Der Chef machte für mich die Musik an und ich tanzte alleine auf leerer Tanzfläche. Geborgenheit oder verloren sein? Beides. So wie es mit Clubs immer ist, sie sind eine Mischung aus Heimat und Abgrund.

Habe ich eigentlich eine Verantwortung für dieses Mädchen? Hätte ich eingreifen können oder sollen?

Hätte mir jemand damals helfen können? Mein Vater kam kurze Zeit später ins Gefängnis. Was hat mich mehr traumatisiert? Ein Vater der mich mit den Kieler Untergrund nahm und zugedröhnt mit mir die Wochenende verbracht hat, oder ein verloren gegangener Vater?

 

16. Dezember 2015, Berlin

Der Samariter

Liebe Alle,

in Rücksprache mit der Caritas haben uns gegen ein gemeinsames Weihnachtsfest und auch gegen einen ersten Workshoptag in der Rampe entschieden. Viele der Suchtkranken sind an Weihnachten in ihren Familien eingebunden und eine Konkurrenzveranstaltung in der Rampe wäre sicher kontraproduktiv. Dennoch vielen Dank an Euch alle für Euer reges Mitdenken und Vororganisieren, auch, wenn das Fest jetzt nicht stattfindet. Am Freitag sehen wir uns, wie besprochen, für den internen Startschuss in der Rampe. Im Januar wird dann am 9. und 10. Jan. der 1. Workshop stattfinden, vielleicht mit einem Neujahrsessen. (Das lassen wir Euch dann noch rechtzeitig wissen.) Alles weitere können wir ja am Freitag in der Rampe besprechen. Den Blog würden wir ebenfalls gerne zum Startschuss im Januar publizieren. Vielleicht ist dann auch eine Pressemeldung denkbar? Habt noch entspannte Tage. Bis Freitag!

Liebe Grüße

Rabea und Florian

Also kein Weihnachtsfest. Ich bin enttäuscht. Hatte ich es mir doch so schön vorgestellt. Insgeheim bin ich vor allem enttäuscht, weil ich jetzt nicht weiß, wo ich heilig Abend verbringen werde. Meine ganze Familie feiert verstreut irgendwo. Wo bin ich? Geplatzt der Traum vom heiligen Samariter.

 

8. Dezember 2015, Berlin

Der Startschuss

Hallo Marvin,

so schön, dass es jetzt los geht!  Wir würden uns gerne noch vor Weihnachten mit allen zusammensetzen, damit wir dann richtig loslegen können.  Wir hätten bei dem Treffen gerne auch die Rampe dabei. Martina und Rahel von der Produktion, können am Freitag zwischen 14:00 und 18:00 Uhr. Passt Euch das? (Martina reist extra aus Brüssel an und kann nur am Nachmittag)  Wir möchten dann gerne am Wochenende (Sam.18 Dez.)  einen ersten Workshoperöffnungstag in der Rampe machen und gemeinsam mit den Teilnehmern das Fest für heilig Abend planen. Am 24. feiern wir dann gemeinsam. Ziel dieses ersten Workshops ist das Benennen und der Austausch über die Methode der künstlerischen Forschung und den Ansatz des demokratisch, künstlerischen Arbeitens, sowie das erste Ziel gemeinsam das „heilige“ Fest zu gestalten und zu feiern. Wir entwickeln gemeinsam eine Idee für den 24. Dez.  Das kann einfach ein schönes Essen sein oder auch eine gemeinsame Aktion. Der 1. Workshop hat das ganz große Überthema: Kennenlernen und Bindung schaffen. Weihnachten feiern ist dann eine Art „Soziale Skulptur“.  Am 21. Dez würden wir über die Rampe eine Pressemeldung rausgehen lassen und das gesamte Projekt in Stuttgart ankündigen und evtl. zum Fest am 24.Dez. einladen. Der Blog sollte über die Rampeseite dann auch zugänglich sein, sodass in den Weihnachtstagen erste News zu lesen sein werden. Willst Du zu der Pressemeldung noch von Eurer Seite was hinzufügen? Vielleicht schickt ihr auch was raus?  Die Frage ist noch wie wir im Vorfeld für die 1. Aktion werben können. Unsere Assistentin kann auf jeden Fall ordentlich Propaganda machen. Einen Flyer vielleicht?  Soweit.

Liebe Grüße

Rabea

 
 
 
 

7. November 2015, Berlin

U.

Eine plötzlicher Anruf von U. Alice‘ neuem Freund.

Ich bin in der U-Bahn und verstehe ihn schlecht. Er spricht wirr. Alice ist seit ca. einer Woche nicht mehr bei ihm aufgetaucht. Er ist in Panik. Wir vereinbaren, dass er zur Polizei geht und eine Vermisstenmeldung aufgibt. Ich telefoniere alle bekannten Orte in Stuttgart und Heilbronn ab: Die Notaufnahmen, psychiatrischen Stationen und die DEMOS. Nichts. Alice bleibt unauffindbar.

 
 

22. Oktober 2015, Stuttgart

Vorwärts

Endlich wieder in Stuttgart. Die Verbindung zu Alice ist seit dem letzten Besuch abgebrochen. Heute früh war ich mit Sarah, der Assistentin, an der Paulinenbrücke und habe mit ein paar Leuten aus der Szene über das Projekt gesprochen. Alice habe ich nicht angetroffen. Einige Leute sind sehr interessiert. Es ist schon irre, wie direkt man mit den Menschen über ihr Leben und ihre Persönlichkeit ins Gespräch kommt. Die Junkies zeigen ihre Wunde immer direkt, durch ihre sichtbare Sucht. Nur werden sie leider nicht, wie Beuys glaubt, geheilt. Wobei die Sucht natürlich nicht die eigentliche Wunde ist, sondern nur eine Folge von Verletzungen.

Am Nachmittag fand ein Gespräch mit den Mitarbeitern der Caritas statt. Jetzt ist es sicher. Wir haben die volle Unterstützung für den Workshop und das anschließende Projekt. Die Caritas ist von unseren Konzept begeistert und wird sich um weitere Fördergelder bemühen. Das Alice-Projekt ist jetzt das Projekt „I`ve seen the dark“. Ein zehnmonatiger Workshop von und mit Suchtkranken. Mittels gemeinsamer künstlerischer Forschung begeben wir uns in einen Prozess der Demokratisierung von Kunstproduktion.

 

28. September 2015, Berlin

Funkstille

Es ist viel Zeit vergangen seit dem letzten Eintrag. Der Kontakt mit Alice ist direkt nach unserer letzten Begegnung wieder abgebrochen. Sie ist nicht zu unserem Treffen im Theater Rampe erschienen. Leider. Ihr Freund U. hat meine Anrufe nicht entgegengenommen und meine SMS ignoriert. Das gehört wohl dazu. Alice zieht sich zurück. Bricht den Kontakt ab. Gestern war ich noch ihre beste Freundin, heute flieht sie vor mir.

Die Vorbereitungen für das Projekt mit Alice und den daran angegliederten Workshop, den wir inzwischen mit der Caritas und der Rampe zusammen anstreben, laufen auf Hochtouren. Alle Kooperationspartner sind sehr motiviert. Florian und ich treffen uns regelmäßig und feilen an dem Konzept wie eine gemeinsam Arbeit mit den „Junkies“ aussehen könnte. Nur Alice ist bereits jetzt die ewige Abwesende. Wenn ich an sie denke, werde ich traurig. Ich haben den Draht zu ihr verloren. Ich werde eine neue Form suchen müssen. Eine neue Form der Kommunikation. Vielleicht werde ich ihr Briefe schreiben. Briefe über unsere Ideen.

 

 
 

8. September 2015, Berlin

Fortsetzung

22: 24 Uhr  SMS von Rabea
Hey I., alles gut? Ist Alice wieder aufgetaucht?

 

22: 26 Uhr SMS von I.
Weiss ich nicht, weil ich keine zeit hatte , du hast auch nichts gehört oder wie?

 

22: 28 Uhr SMS von Rabea
Nein. Leider nicht. Ich bin aber demnächst in Stuttgart.
Wollte sie sich bei mir melden?

 

22: 31 Uhr SMS von I.
Eigentlich sollte sie seit gestern in wienndn im klinik sein, aber ich werde morgen nach ihr gucken.
Entzugsklinik oder phsyatrie. In wiennenden am 7. 9 . Hat sie termin gehabt.

 

22: 40 Uhr  SMS von Rabea
Ok, danke. Ich mache mich auch auf die Suche, wenn ich was höre sag ich dir Bescheid.
LG R.

 

7. September 2015, Berlin

Weiter

14:23 Uhr  SMS von Rabea
Hallo Harkan. Hast du inzwischen etwas von Alice gehört? Bitte gib mir doch Bescheid, wenn du etwas weißt. LG
Rabea

 

14:26 Uhr SMS von I.
Ja sie war 2 tage bei mir, es ging sehr schlecht wollte gestern ihre klammoten und handy holen, seit gestern abend weiss ich nicht wo sie ist.

 

14:31 Uhr
Oh nein! Gut, dass sie bei dir sein konnte. Was wollte sie denn jetzt machen? Wollte sie nicht mit mir sprechen und wenn ja warum?
LG Rabea

 

4. September 2015 Berlin

Hilflos

10:14 Uhr SMS von Rabea
Guten Morgen , weißt du inzwischen wo Alice gelandet ist? In den Krankenhäusern ist sie nicht.
LG Rabea

10:25 Uhr  SMS von I.
Guten morgen Rabea , ich weiss wirklich nicht wie ich ihr helfen soll Sie nimmt akohol , drogen und tabs usw, verliert die kontrolle und das belastet Mich auch sehr , Ich weiss nicht was Ich machen soll.

10:30  Uhr von Rabea
Das verstehe ich. Es ist wirklich schwierig. persönlich können wir ihr nicht direk helfen. Sie braucht professionelle Hilfe. Es wäre gut, wenn sie nach Heilbronn in den Entzug geht. Vielleicht können wir das hinbekommen. Die Polizei gibt mir keine Auskunft. Lass uns in Kontakt bleiben. LG

Nachdem ich alle Krankenhäuser in Stuttgart und Umgebung abtelefoniert habe, rufe ich noch mal bei der Polizei an. Alice ist dort in der Ausnüchterungszelle, mehr will man mir nicht sagen. Ich streite mich mit dem Polizisten, beschimpfe ihn als unmenschlich.

Polizist: „Und jetzt müssen Sie eben einsehen, dass die betreffenden Person nicht will, dass sie ihr helfen. Sie haben vielleicht gedacht sie können helfen und jetzt merken Sie, dass sie darin gescheitert sind.“

Es geht mir schlecht. Ich bin wütend. Enttäuscht von mir selbst. Enttäuscht von Alice. Ich schäme mich vor mir, vor ihr, vor allen. Ich bin das Klischee einer hilflosen Helferin. Die Rolle spiele ich ganz gut. Was hat das jetzt überhaupt noch mit Kunst zu tun?

 

 

3. September 2015, Berlin

Absturz

Am frühen Abend bekommen ich einen überraschenden Anruf von I., einem Freund von Alice bei dem sie immer wieder unterkommt. Alice ist an der Paule und in einem schlimmen Zustand. Sie ist so betrunken, dass Sie nicht mehr sprechen und laufen kann. Er fraget mich was er tun soll. Kurz versuche ich mit ihr zu sprechen – sinnlos, sie schreit nur ins Telefon. Rufe einen Krankenwagen, sage ich.

 

22:16 Uhr SMS von Rabea
Hallo I.
Gibt es Neuigkeiten?
LG Rabea

 

23:20 Uhr  SMS von I.
Sie ist mit polizei weg, wird dort vom artzt untersucht. Aber es ging ihr sehr schlecht, ja soll am besten bei p1p oder so.

 

23:24 Uhr SMS von Rabea
Danke. Die Polizei will mir nicht sagen, wo sie ist, es scheint ihr wohl besser zu gehen. ich versuche es weiter. Falls du weißt, wo sie ist gib mir bitte Bescheid!  Es ist fürchterlich. Danke, dass du mich auf dem laufenden gehalten hast! Nur so kann ich helfen.
LG Rabea

 

23:30 Uhr SMS von I.
Also wenn du ihr helfen willst soll sie terapie machen, da geht sie kaputt , 2 freundinen haben mir sachen erzählt ist ja echt übel, mit vergewaltigung und hat verband oder gibs gehabt und so, also wenn du ihr helfen willst soll sie bitte weg von dort, so schlimm wie heute habe ich sie schon lange nicht gesehen.

 

23:40 Uhr  SMS von Rabea
Sie wollte je auf die Therapien. Dann plötzlich war alles anders. Ich hoffe sie wird sich jetzt dafür entscheiden! Ich versuche sie dabei, so gut es geht, zu unterstützen. Lass uns in Kontakt bleiben.
LG Rabea

23:45 Uhr SMS von I.
Ja ok auf dich hört sie vielleicht eher, Sie hat ja keine eltern und wir sollten ihr schon helfen,
Gute nacht.

 

1. September 2015, Berlin

Geld

Plötzlich eine Mail von Thomas Kleine dem Pfarrer der Alice 1000€,- Gewinn von SORTIERT EUCH! verwaltet und unser Projekt und Alice generell unterstützt.

 

Hallo Rabea,

gerade war Alice da und sagte mir, dass du die Anzahlung für die Bergtour auf mein Konto zurück überweist. Ich habe Alice ja noch vor meinem Urlaub gesehen und war erschrocken über ihren Zustand. Ein vernünftiges Gespräch war nicht möglich. Ich gab ihr mal 500 EUR in bar für einen Laptop und die Reisevorbereitung. Überwiesen habe ich nie etwas für sie. Ich weiß also nicht, welches Geld Alice hier meint. Vielleicht kannst du mich aufklären. Ich soll dir – meinte sie – ein Email schreiben und sie möchte sich bei dir entschuldigen. So genau habe ich aber nicht verstanden, worum es geht.

Herzliche Grüße
Thomas
Thomas Kleine Die Brücke, Büchsenstr. 35, 70174 Stuttgart

Ich rufe direkt zurück und verabrede mit ihm, dass er Alice erst das Geld auszahlen wird, wenn Sie sich bei mit gemeldet hat. Ich bin so hilflos im helfen, dass ich schon Druckmittel einsetze.

 

28. August 2015, Berlin

Lost

Alice ist seit mehreren Tagen verschwunden. Ich habe sämtliche Ort der Caritas telefonisch abgeklappert. Sie ist aus allem Systemen raus: der Clean Wg, der Substitut  Station, dem Sleep Inn. Das Sleep Inn sagt, sie schläft jetzt bei einem Freund. Bei welchem Freund kann ich nicht herausfinden. Ich hinterlasse überall mehrmals meine Nummer. Die ganze Stadt weiß, dass ich Alice suche. Nur von ihr keine Spur.

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Alice hat den Kontakt zu mir willentlich abgebrochen, vermute ich. Alles ist eine Enttäuschung: ihr Rückfall, mein Misstrauen, die geplatzte Reise.

 

22. August 2015, Stuttgart

Ahnung

Ich wache mit einem komischen Gefühl auf, versuche aber positiv zu bleiben. Im Auto sprechen wir noch mal den Tag durch. Dann stehen wir vor dem Sleep Inn. Es ist 10:00. Keine Alice. Ich frage den Pförtner, ob Alice im Sleep Inn ist. Ja, sie ist da. Nach ein paar Minuten kommt sie. Ihr Gesicht ist schweißnass, sie zittert am ganzen Körper. Sie wankt. Alice sagt, sie ist krank. Sie kann heute unmöglich mit uns arbeiten. Wir verabschieden uns. Sie geht wieder ins Bett. Florian und ich gehen Eis essen. Morgen früh geht es zurück nach Berlin.

 

21. August 2015, Stuttgart

Drama

Florian und ich sind seit zwei Tagen in Stuttgart. Wir schlafen bei Florian Eltern, weil das Theater Sommerpause hat, natürlich. Alice ist seit ein paar Tagen nicht erreichbar. Sie geht einfach nicht an ihr Telefon. Ich weiß nur, dass sie sich, nach dem ich die Reise abgesagt habe aus der Klinik entlassen hat und wieder ins Sleep Inn gezogen ist. Wir suchen sie auf der Paule – ohne Erfolg.

Am Nachmittag haben wir ein Treffen mit der Caritas bezüglich einer möglichen Kooperation. Wir berichten über unser Projekt mit Alice. Scheinbar sucht die Caritas genau so eine Idee für ein großes Pilotprojekt in Stuttgart. Gemeinsam mit einem Pharma-Unternehmen und der Deutschen Leberhilfe will die Caritas Drogenkonsumierenden und Substitutspatienten ein Projekt anbieten, das die Teilhabe und das Teilsein am gesellschaftlichen Leben fördert. Wir entwickeln innerhalb von einer halben Stunde einen Konzeptvorschlag mit monatlichen Workshops für Leute aus der Szene und ein Abschlussprojekt am Theater Rampe. Wir spinnen eine neue Idee um das Projekt ALICE herum.

Florian und ich sind begeistert. Es gibt die Möglichkeit, dass unser Projekt gefördert wird und dabei sogar noch weitaus umfangreicher als gedacht. Alice bleibt dabei natürlich im Fokus. Sie wird das Zugpferd sein, sie wird die anderen für die gemeinsame Arbeit begeistern und sie ist und bleibt die Protagonisten. Die tragische Heldin im Mittelpunkt.

Nach dem Gespräch mit der Caritas rufe ich Alice noch einmal an. Sie geht ran und ist überrascht, dass ich in Stuttgart bin. Wir treffen uns vor dem Sleep Inn und fallen einander in die Arme. Seltsam, was für ein starkes Band in den letzten Wochen zwischen uns entstanden ist. Sind wir Freundinnen geworden? Aufgeregt berichte ich von den neusten Entwicklungen. Das Projekt wird größer und es gibt eine Chance auf Förderung.

Wir verabreden uns für den nächsten Tag, um das erste Mal seit SORTIERT EUCH! – DIE SHOW! wieder miteinander zu arbeiten. Alice sagt, sie braucht einen klaren Kopf.

Ich habe einige Ideen vorbereitet. Ansetzen bei ihren letzten Ideen für die Bühne. Da war das Bild „Der Schrei“ von Munch im Gespräch und dass Alice selbst am Anfang des Stücks durch den Schrei springt, dicht gefolgt von mir als ihr „Schatten“. Damit wollen wir morgen weiter machen. Wir fangen an mit einem Körpertraining und arbeiten uns dann zu der Idee vor. Vielleicht entwickeln wir eine Konzept für eine erste kleine Aktion. Ich überlege: wir bauen den Schrei als große Leinwand an der Paulinenbrücke auf und springen durch. Die Idee gefällt mir. Aber abwarten was morgen wird.

The_Scream

Ein paar Stunden später ruft Alice aufgelöst von einer anderen Nummer an. Eine Mitbewohnerin aus dem Sleep Inn hat ihr das Handy geklaut, während sie schlief. Alice ist außer sich, sie tobt. Ich kann sie nicht beruhigen. Sie droht mit Schlägen, der Polizei usw.. Ein Drama folgt dem nächsten. Wir verabreden uns für morgen 10:00, dann halt ohne Handy.

 

21. August 2015, Stuttgart Abends

Verortung

Florian und ich sitzen zusammen und reflektieren die letzten Wochen. Es geht um die Beziehung zwischen mir und Alice. Mir wird klar, dass die Wochen bisher wenig mit konkreter Kunstproduktion zu tun haben. Ich bereite etwas vor. Ich bereite Alice und mich darauf vor, dass wir vertrauensvoll miteinander arbeiten können. Schließlich geht es bei dieser Arbeit nicht um irgend ein Thema, sondern um Alice‘ private Geschichte. Es ist ein Projekt über den Großteil ihres Lebens. Sie wird ganz schön die Hosen runter lassen, wenn es gut geht. Darum nenne ich diese erste Phase „Liebe geben“.

Florian stellt mir ein paar gute Fragen, hier eine kryptische Mitschrift meiner Antworten.

Florian: Wie hast du die Arbeit mit Alice in den letzten Wochen aus deiner Perspektive erfahren? An was hast du genau gearbeitet? Was ist deine Rolle dabei?

Rabea: Ich leih mich ihr ein Jahr aus als Freundin, das ist das Projekt. Das ist nicht uneigennützig. Ich geh in ihr Leben rein, das ist meine Arbeit. Wie ich bisher verfahren bin. Mein Plan war ihr Liebe zu geben. Ich hab ihr das Gefühl gegeben, geliebt zu sein von mir. Um sie darauf vorzubereiten, dass sie in der nächsten Phase auch einen Konflikt aushalten kann. Konflikte kann man nur aushalten, wenn man eine Basis der Liebe hat. Wobei ich jetzt nicht sagen würde, dass ich sie liebe. Das ist so was wie eine Menschenliebe, die ich ihr versuche zu vermitteln. Ich verhalte mich ihr liebevoll gegenüber. Liebe ich sie? Ich erfülle bestimmte Qualitäten von Liebe: den anderen annehmen, so wie er ist. Sich interessieren für den Anderen. Dem anderen das Gefühl geben, dass es richtig ist, wie er ist. Ich bin empathisch. Wir teilen Dinge miteinander. Taten und Gefühle. Wir haben die letzten sechs Wochen unseren Tagesinhalt miteinander geteilt. Ich habe dies und das getan, und habe mich so und so gefühlt dabei. Ich begebe mich in eine Situation rein und trete wieder heraus, wenn das Telefonat beendet ist. Es ist eine momentgebundene Liebe. Ich schütze mich davor. In dem Moment lass ich das zu und dann zieh ich mich raus. Ich liebe sie und liebe sie nicht, zur gleichen Zeit. Keine vorgespielte Liebe. Ganz authentisch. Es fällt mir überhaupt nicht schwer, das zu geben.

Sie gibt mir ja auch etwas. Sie ist ein Sonnenschein. Sie gibt mir gute Laune. Ich krieg oft gute Laune, wenn wir quatschen. In dem ganzen Scheiß gibt es immer einen positiven Moment, wo man drüber lachen kann. Ich mag sie einfach sehr. Wenn ich mir ihren Achim (ihren Ex-Freund) anschaue, der geht mir total auf den Keks. Ein Ekelpaket.

Wenn ich jetzt so eine echte Freundschaft eingehen würde, dann gebe ich etwas von mir preis, ich zeige mich auch in meinen schwachen Momenten und suche Begegnung, wenn es mir schlecht geht. Das würde ich nicht tun mit ihr. Obwohl, das weiß ich nicht, vielleicht würde ich das auch tun. Ich würde es tun, um es auszuprobieren. Es ist für mich alles eine Form von Experimentieren. Was passiert mit der Beziehung, könnte sie das aushalten, dass ich Hilfe brauche? Das ist genau die Distanz. Ich leihe mich aus für ein Experiment. Ich leih jetzt nicht nur mein Intellekt aus, sondern alles was dazugehört. Ganz bewusst, das ist gelebt, inszeniert und reflektiert.

Florian: Ist das nicht Manipulation?

Das weiß ich noch nicht. Der Unterschied ist ja auch, dass ich Liebe gebe. Aber anders als in einer Beziehung erwarte ich keine von ihr. Wenn ich eine Freundschaft eingehe, mach ich das ja nur, wenn ich weiß, wir tauschen Liebe aus. Bei Alice ist das ja bedingungslos. Wenn sie es scheiße findet, würde ich trotzdem weitermachen. Weil das das Konzept ist. Das kann sich auch wandeln aber danach habe ich bisher gehandelt.
Allerdings will ich natürlich auch, dass sie was leistet. Sie soll halt das Projekt mit mir machen, mit mir arbeiten. So gesehen ist das schon Manipulation.

Florian: Und warum macht Alice das alles mit?

Weil sie einfach aus der Scheiße raus will. Sofort bei unserem ersten Gespräch hat es „zack“ gemacht. Sie wollte schon immer zum Theater. Sie wollte sofort anfangen. Sie hat gesehen, dass ich dachte: „Aha, da findet ein Junkie Theater toll. Das ist doch großartig, dass ein Junkie gesehen werden will.“ Von da an hat sie mich nicht mehr los gelassen. Und Alice denkt, dass sie mit dem Theater von der Sucht wegkommt. Sie sieht in dem Theater ihre Heilungschance. Ich leih mich ihr aus und sie leiht sich mich aus. Ich bin ja auch nur so ein Strohhalm der vorbei hopst.

 

16. August 2015, Berlin

Abgesagt

Ich habe die Reise abgesagt. Alice muss erst stabiler werden und aus sich selbst heraus handeln, nicht durch mein Drängen. Alice und auch Florian erscheinen erleichtert. Als hätten alle schon vorher geahnt, dass die Reise unter diesen Bedingungen nicht stattfinden könne. Alice gesteht später, Angst vor der Reise gehabt zu habe. Hatte sie absichtlich einen Rückfall um die Reise zu boykottieren? Ich bin froh und traurig. Wie geht es jetzt weiter?

Alice will eine Therapie machen. Sie merkt, dass es so nicht weiter geht. Ich stimme ihr zu. In der Suchtüberwindung geht es um das Erkennen und verändern von Muster. Alice ist von dem bewussten Erkennen ihrer Muster noch weit entfernt.

In my innermost heart I am Minimalist
with a quilt complex.

„the role of artworks is no longer
to form imaginary and utopian realities,
but to actually be ways of living
and models of action within the existing real,
whatever scale chosen by the artist.“
Nicolas Bourriaud

 

15. August 2015, Berlin

Krisenmoment

Ich wache auf und habe ein schlechtes Gefühl was die Reise betrifft. Ich habe meinen ersten wirklichen Krisenmoment. Der gestrige Tag hat mich sehr geschlaucht. Ich frage mich, ob Alice irgendeine von ihren Handlungen ohne mich gemacht hätte, und, ob mein Verhalten ihr gegenüber sinnvoll ist. Ich realisiere, dass sie im Grunde die Schritte selbst vollziehen muss. Ich kann sie begleiten und unterstützen aber ich kann sie nicht drängen und steuern. Die Grenzen dazwischen sind allerdings oft fließend. Ich vertraue Alice nicht mehr. Die letzten Tage haben gezeigt, wie unberechenbar ihre Handlungen sind. Sie hängt zu sehr in ihren alten Mustern. Wie geht das: mit Kunst neue Muster schaffen.

Auf der Reise nach Berlin rufe ich Alice an und sage ihr, dass ich Zweifel habe, ob wir die Wanderung machen, ob wir uns damit nicht überfordern würden. Sie reagiert mit Abweisung. Sie bezweifelt, dass ich die Reise überhaupt gebucht habe. Ein Vertrauenstief. Ich werde sie am Abend wieder anrufen. Nach dem Gespräch bin ich plötzlich entschlossen die Reise stattfinden zu lassen. Nach siebenstündiger Autofahrt gehe ich in Berlin direkt zu Globetrotter, um mir Wanderschuhe kaufen. Kurz vor der Kasse meldet sich endlich Andrea, eine befreundete Ärztin und seit 35 Jahren Suchttherapeutin. Als ich sie um ihre Einschätzung bezüglich unsere Reise bitte, sagt sie sofort: „Sag die Reise ab. Die Wanderung wird scheitern und eure Beziehung wird daran zerbrechen.“

 

13. August 2015, Langeland Dänemark

Rückfall

Alice ist rückfällig geworden. Sie hat ihren Ex-Freund in der Clean-WG aufgenommen und damit gegen die Grundregeln der WG verstoßen. Ihr (Ex-?)Freund bietet ihr Drogen und Alkohol an, sie nimmt an. Fünf Tage nach dem Entzug der erste Rückfall. Alice schämt sich und geht Tage lang nicht ans Telefon. Mir sind die Hände gebunden. Zum nächsten Termin in der Clean-WG erscheint sie und gibt eine BK (Blutkontrolle) ab. Alkohol und Kokain. Achim hat sie aus der Wohnung geschmissen, trotzdem hängt sie jeden Tag an der Paule. Sie verliert ihre Schlüssel und ihre Krankenkassenkarten. Sie wacht in einem fremden Bett, neben einem 26jährigen Mann auf. Alice gibt sich eine Woche nach dem Entzug so richtig die Kante. Ich versuche in Dänemark Urlaub zu machen. Tägliches Sprechen mit der Clean-WG, ich bitte sie um eine Einschätzung. Meine Freunde halten unsere Alpenüberquerung für unrealistisch.
Ich geben noch nicht auf. Die Gespräche mit Alice werden wieder klarer.

Ich bitte sie aufzuschreiben, was mit ihr passiert, kurz vor einem Rückfall. Was fühlt sie dann? Was fehlt ihr? Woran denkt sie? Wie verhält sie sich? Was ist das, Suchtdruck? Ich will das wissen, um darauf mit Kunst reagieren zu können. Ich will ihr Kunst und künstlerischen Tun zur Verfügung stellen und ihr damit eine Alternative bieten.

Bin ich eigentlich total naiv? Der ganze Ansatz scheint mir plötzlich wahnsinnig idiotisch. Ich spiele mich als ihre Therapeutin auf, nicht als Künstlerin. So geht das nicht. Unsere Beziehung ist inzwischen so stark, dass ich so etwas wie ihre Begleitperson geworden bin. Die Caritas spricht mit mir inzwischen völlig vertrauensvoll, als wäre ich Alice Familie. Wo ist meine Forschungsfrage? Wie gehe ich das jetzt konkret an?

Alice trinkt nach der BK weiter Alkohol und nimmt sogar Subutex. Sie weint am Telefon und hat Angst „vor die Hunde zu gehen“. Gestern hat sich Alice entscheiden wieder in die geschlossene Station, die P1B zu gehen, wenigsten bis zur Wanderung, anders schaffe sie es nicht, sagt sie.
Der Tag vergeht. Ich telefoniere um zehn Uhr morgens mit ihr. Sie sagt, sie habe Angst und könne nicht gehen, weil sie ihren Haustürschlüssel verloren hat. Wie telefonieren fünf, sechs, sieben mal. Um drei Uhr trifft sie endlich in der Clean-WG ein. Ihre Betreuerin hält den Aufenthalt in der P1B für eine gute Idee. Alice macht sich auf den Weg.

Um 18:00 Uhr sprechen wir wieder. Alice ist inzwischen völlig betrunken an der Paule. Ich sage ihr, dass ich es für das Beste halte, die Reise abzusagen. So werden wir das nicht schaffen. Sie will sich dann auf den Weg machen, endlich gehen. Bisher habe ich noch keine Nachricht von ihr.

Ich brauche mehr Professionalität. Vielleicht brauchen wir doch ein Ausgangsmaterial, eine Dramenvorlage. Alice und ich müssen an konkreten Dingen arbeiten. Ich werde mir mit ihr den Parzival vornehmen. Diesen Text werden wir gemeinsam laut lesen.

Meine Vater sagte gestern zu mir: „Misch dich nicht in ihren Entzug ein. Mach Kunst mit ihr und mehr nicht. Sonst kannst du deine Forschungsfrage nicht objektiv untersuchen.“ Er hat recht. Kann Kunst heilen? Kunst ja, ich nicht. Ich gebe dem Alpenprojekt noch bis morgen früh. Der Parzival (die Gralssuche) wird dann unser Begleittext. Wenn überhaupt.

Am Abend gegen 22:00 Uhr. Alice sitzt im Krankenwagen. Sie wird von einer Klinik zur anderen gebracht. Auf der P1b lässt man sie nicht rein, weil Alice‘ Ex-Freund Achim sich ebenfalls eingewiesen hat und das Krankenhauspersonal eine Konfrontation vermeiden will. Darum bringt man sie mit dem Krankenwagen in die das Furthbachkrankenhaus, eine psychatrische Klinik. Von ihrem Fenster aus schaut Alice direkt auf die Paule. Geht es noch ironischer? Diesem Ort kann sie einfach nicht entkommen. Wenigsten schaut sie jetzt von oben auf die Dinge. Alice ist guter Dinge. Ich bin völlig erschöpft.

 

4. August 2015, Cuxhaven

Reiseplanung

Die Reiseplanung hängt, weil ich meinen Hund nicht mitnehmen kann und noch keine Unterkunft für ihn gefunden habe. Ich zweifele an der Reise. Schade.

Heute morgen um 10:00, das erste Gespräch mit Alice. Sie war wieder an der Paulinenbrücke. Ich mache mir Sorgen um sie. Sie sagt, sie ist clean und hat noch keinen Alkohol getrunken. Was soll das heißen „noch“? Und wie gehe ich nun mit ihr um? Ermahne ich sie? Kontrollieren ich sie? Sollte ich streng sein und sie daran erinnern was sie sich vorgenommen hat und dass ein Rückfall auch für unsere Zusammenarbeit negative Konsequenzen hat? Oder baue ich damit zu viel Druck auf? Sollte ich ihr einfach vertrauen und an sie glauben? Ich habe keine Ahnung. Ich sollte das nachlesen. Zurzeit ist meine Taktik, sie immer wieder daran zu erinnern, dass sie stark ist und was sie bisher schon alles geschafft hat. Ich ermutige sie und verstärke weiterhin unser Vertrauen. Bindung durch Liebe und Vertrauen. Unter diesem Thema steht unsere erste gemeinsame Phase.

 

1. August 2015, Cuxhaven

Clean-WG

Seit drei Tagen bin ich in Cuxhaven. Die Alpentour ist beinahe geplant. Am 15. August werden wir zu dritt (Alice, Florian und ich) von Stuttgart nach Obersdorf aufbrechen und den vielbelaufenen Wanderweg E5 über die Alpen gen Meran antreten. Sieben Tage gemeinsame Anstrengung, sieben mal 24 Stunden Zeit miteinander verbringen. Einander nicht ausweichen können,  sich kennenlernen mit den Schwächen und Stärken des anderen. Nach dem Entzug folgt das Über-den-Berg-gehen, die erste gemeinsame Läuterung.

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Alice ist heute aus dem Entzug entlassen worden und hat glücklicherweise direkt einen Platz in der Clean-WG, einer Betreuten Wohngruppe für Abstinente in Stuttgart, bekommen. Sie hat jetzt ihre eigenen vier Wände. Die Ausrüstung für die Reise hat sie auch schon von der Schwesternhilfe geschenkt bekommen. Dann kann es ja los gehen.

Heute erreichte mich zudem diese E-Mail:

„Hallo Frau Kiel,

durch eine Klientin habe ich mitbekommen, dass Sie Theaterprojekte mit Drogenkonsumenten durchgeführt haben. Im Juli waren dann einige Kollegen bei der Vorstellung von „Display!Sortiert Euch!

In unserem Projekt Plus versuchen wir verschiedene Kooperationen und Aktionen zu starten, um Klienten Freizeitangebote, Kompetenztrainings und Tagesstrukturierende Maßnahmen zu ermöglichen.

Über Rainer Lang habe ich erfahren, dass Sie daran auch Interesse haben würde. Es würde mich freuen, wenn wir uns diesbezüglich mal austauschen könnten, um zu sehen ob in diesem Bereich was möglich wäre.

Ich freue mich über Ihre Antwort.

Mit freundlichen Grüßen
Marvin Ueding“

Wir werden uns auf jeden Fall Ende des Monats treffen.

 

31. Juli 2015, Amsterdam

Urlaub

Seit einer Woche bin ich in Amsterdam und mache so etwas wie Urlaub. Alice und ich telefonieren täglich und ich hatte einige interessante Gespräch mit Freunden über das Projekt.
Alice Tage verlaufen ruhig und zugleich sehr extrem.

An zwei Tagen bekommt sie drei Zähne gezogen. Ein neu angekommener Patient bietet den anderen Patienten heimlich Drogen an. Er dealt in der Entzugsklinik. Alice flippt aus und meldet den Vorfall der Klinikleitung. Ein paar Tage später klaut ihre Zimmergenossin ihren Tabak. Vorgestern war Alice das erste Mal richtig „entzügig“, mit starken Krämpfen in den Beinen, starkem Schwitzen und Schlafentzug. Ich merke ihre psychische Labilität. Sie will mit Achim, ihrem Exfreund, sprechen. Ich mache mir Sorgen und merke, dass sie sich von mir entfernt. Sie lässt mich zwar an ihren inneren Prozessen teilhaben, aber letztendlich bleibt ihre Sucht doch geheim. Ich verstehe sie nicht.

Wir müssen das Thema Sucht doch gemeinsam untersuchen. Die Prozesse. Die Phasen. Die innere Vorgänge. Und dann alternative Strukturen über die Kunst suchen. Aber die Sucht steht im Raum, wie das große Unbekannte, das große Geheimnis, der Elefant. Eintauchen in Alice ist der erste Teil des Projekts, sie verstehen.

Das Konzept festigt sich. Die Forschungsfrage lautet jetzt: Kann Kunst heilen? In der Art einer ethnologischen Fallstudie, gehe ich methodisch wie folgt vor:

  1. Ich erforsche aktiv teilnehmend (teilnehmende Beobachtung) Alices Alltagsleben (natural setting).
  2. Ganzheitlich (holism) untersuche ich Alice Lebensumstände, ihre Bezugspersonen (die Szene, ihre Familie) ihre Suchtgeschichte und die Sucht in ihren diversen Facetten.
  3. Ich entwickle ein beschreibendes Verständnis (deskriptive oder dichtes Verständnis). Ich werte nicht.

Ich versetzte mich in Alice und versuche aus ihrer Perspektive das Problem (die Sucht) zu betrachten und nach Lösungsansätzen zu forschen (Wie kann Kunst heilen?). Ich beziehe es mit in meine Auswertung ein, dass ich Alice Situation nie objektiv wahrnehmen werde, weil ich immer von meinen Erwartungen und meinem Vorwissen beeinflusst sein werden. Darum geht es letztendlich um meine Interpretation, meine Deutung von Alice, ihrer Lebenssituation und ihres „Problems“.

„Das Deuten besteht darin,
das «Gesagte» […] dem vergänglichen
Augenblick zu entreißen.“
Clifford Geertz

 

22. Juli 2015, Stuttgart

Das tägliche Telefonat mit Alice

Florian und ich überlegen, wie wir das Konzept zuspitzen können. Bisher ist noch nicht klar, wie wir künstlerisch arbeiten wollen und welche Rahmung es braucht. Wir denken folgendes durch:

  1. Alice wohnt als „Heilige“ in einem Wohncontainer hinter der Rampe. Stuttgart kann ihre Heilige besuchen, sie um Rat bitten, ihr Sachen vorbeibringen, sie treffen, ihr helfen. Stuttgarts Hausjunkie. Stuttgarts Orakel.
  2. Ich wohne mit Alice für ein Jahr in einer Wohnung und „kümmere“ mich um sie, Tag und Nacht.
  3. Ich bin eine Kunstpriesterin und empfange Junkies bei mir, um sie mit Kunst zu heilen.

Idee eins und zwei werden noch am selben Abend wieder verworfen.

 

21. Juli 2015, Stuttgart

Gedenktag der Drogentoten

Ein etwas trauriger Haufen von ca. 30 Menschen feiert den Gedenktag der Drogentoten. Alle halten sich gegenseitig an den Rockzipfeln fest. Ein Junkie spielt einige spanische Lieder auf seiner Gitarre, ein schlechter Verstärker verzerrt den Sound. Es wird geweint. Wir sprechen mit dem Vorsitzenden von JES Stuttgart (Junkies – Ehemalige – Subsituierte), die eine Fixerstube in Stuttgart anbieten. Sie unterstützen unser Projekt, zumindest ideell, Geld brauchen sie selbst.

In der Kirche stehen vor dem Altar die Bilder der Toten des letzten Jahres, es sind nicht wenige.

 

12. Juli 2015, Stuttgart

Angst

Ich habe eine irrationale Angst, dass ich mich über Alice mit Hepatitis C infiziert habe. Oder mein Hund Oskar. Er hat vor ein paar Tagen etwas Blut von ihrem Bein geleckt. Können Hunde sich mit Hepatitis C infizieren?

„It has been too long since
we have made the gesture of
the French Revolution the epitome of
the democratization of art.
We do not have to enter the Louvre
or the castles, we have to enter
people’s houses, people’s lives.
This is where useful art is.“
Tania Bruguera

 

11 Juli 2015, Stuttgart

Ekel

Heute sind Florian und ich in Stuttgart angekommen. Florian schlug vor, Alice als Kunstfigur zu inszenieren, um nicht gleich alles von ihrer realen Geschichte preiszugeben und vom Klischee der reportageartigen Darstellung einer Drogenkranken wegzukommen. Alice als ein Orakel, eine Heilige. Erst langsam im Verlauf des Projekts erfährt man Alices Geschichte. Wer sie ist und was sie interessiert. Alice steht für das Heterogene, das Abjekte, den Ekel. Für das, was die Gesellschaft ausschließt, fürchtet und von dem sie sich gleichzeitig angezogen fühlt.

„Laut Kristeva konfrontiert das
Abjekte und damit auch der Ekel
das Ich mit seinen Grenzen und seinen
Ängsten und erfüllt damit eine
wichtige Funktion, indem es die
Unterscheidung zwischen
dem „Selbst“ und dem „Anderen“
erst ermöglicht. Sie betrachtet
die Abjektion als Teil der Ablösung von
der Mutter, wobei sie klebrige, schleimige
und diffuse Substanzen mit dem
Mütterlichen assoziiert. Ausgrenzung und Tabus
sind nach Kristeva Phänomene der
Abjektion, die dazu dienen
sollen, bestimmte Grenzen,
Regeln oder Systeme zu sichern.
Wo es nicht möglich sei, etwas
völlig auszugrenzen, gebe es in allen
Kulturen bestimmte Reinigungsrituale
mit dem Ziel einer Katharsis.
Diese kathartische Funktion
übernehme auch die Kunst.“
(Ekel, Wikipedia)

 

2. Juli 2015, Berlin

Kunst

Treffen mit Sahar Rahimi von Monster Truck und Florian Krauß, der ab jetzt meine Begegnungen mit Alice und das Projekt filmisch dokumentieren wird.

Sahar schlägt vor, die Kontraste zwischen mir als „elitärer“ Künstlerin und Alice als gesellschaftlicher Außenseiterin zum Thema des Projekts zu machen. Die gegensätzlichen Lebensentwürfe und die Reibung, die allein schon in unserem Äußeren sichtbar wird, ist interessant. Werden wir uns in diesem Jahr annähern? Wie gehen wir mit den Differenzen um? Es wird deutlich, dass es auch um meine Grenzen und mein Risiko gehen muss. Alice stellt sich ihrer Sucht und gibt sich in ihrer „Krankheit“ ganz preis. Worin gebe ich mich preis? Die Zusammenarbeit muss mir etwas abverlangen, sonst wird das Ergebnis fade. Nicht interessant ist es, sich ständig inhaltlich mit dem Thema Sucht zu beschäftigen, weil das zu sehr auf der Hand liegt. Die Sucht also mehr ausklammern.

 

1. Juli 2015, Berlin

Revolution

Alice hat heute früh schon zweimal auf meine Mailbox gesprochen. Sie wird heute, nach zwei Tagen Aufenthalt, von der P1b (Geschlossene Psychiatrie) auf die DEMOS (Entzugsstation) verlegt. Der erste Tag auf DEMOS: Alice scheint ganz klar im Kopf, beinahe enthusiastisch. Auf der DEMOS darf sie kein Handy haben. Ich bekomme die direkt Durchwahl zu ihrem Zimmer. Wir verabreden, dass wir jeden Tag ein bis zwei Mal telefonieren werden. Alice sagt, sie freut sich auf unsere Gespräche morgen. Ich mich auch.

 

Einen Abend zuvor habe ich eine Telefonat mit meiner Freundin Ingrid. Ich erzähle ihr von dem Projekt mit Alice. Sie versteht nicht, warum ich mir das „antue“.

„Revolution begins with the self, in the self.“
Toni Cade Bambara