1. April 2016

Inspirationsexkurs

image

„Wenn ich auf der Bühne stehe, bin ich nicht ich, sondern ich spiele mich.“

„Riding on a cloud“ Rabih Mroué

Der maginalisierte Mensch auf der Bühne.  Wird bei der Wiedergabe des eigenen Leids, das Leid automatisch in einen bekannten Spannungsbogen eingegliedert? Oder kann die Darstellung dem gesellschaftlich abgestimmten Narrativ entweichen? 

In den Sophiensälen in Berlin läuft grade im Rahmen der Schwabensause eine Installation von SORTIERT EUCH!, die Kunstaktion, die ich im letzten Jahr mit Monster Truck am Theater Rampe gemacht hab. Bei SORTIERT EUCH! fing alles an. SORTIERT EUCH! ist die Geburtswiege von I’VE SEEN THE DARK.

Parallel läuft im Hebbel am Ufer eine Retrospektive von Rabih Mroué. Ich sitz jeden Tag ca. vier Stunden im Theater. Rabih Mroués Arbeiten inspirieren mich sehr für das Projekt I’VE SEEN THE DARK. Die Arbeiten sind vom Grundaufbau schlicht. Meist bestimmt eine Grundidee die Stücke, innerhalb dieser Grundidee entfaltet sich dann eine Vielzahl von Bedeutungsebenen. In „The missing employee“ rekonstruiert Mroué anhand von Zeitungsartikel das mysteriöse Verschwinden eines einfaches Angestellten. Auf der Bühne sehen wir Mroués Torso als Projektion, über einen anderen Beamer von oben die Zeitungsartikel. Auf der Bühne sehen wir sehen also Abbildungen, konstruierte Bilder. Die Bühne ist immer ein Ort der Konstruktion, gerade im dokumentarischen Theater. Sie exponiert, wählt aus und wertet. Indem dieser Vorgang auf der Bühne reproduziert und zu thematisiert wird, entsteht gleichzeitig ein Kommentar auf unsere Wahrnehmung von Realität. Realität, wie z.B. politische Zusammenhänge werden durch Medienproduktion und normative Wahrnehmungsmuster auch immer in einer selektierten Form wahrgenommen. 

Mroué fungiert in dem Stück als Forscher und Erzähler. Er erforscht eine Geschichte und berichtet uns chronologisch von seinen Forschungsrecherchen, dabei kommentiert er die einzelnen Ergebnisse mit einer Haltung der äußersten Wichtigkeit und Genauigkeit, wobei er gleichzeitig die Geschehnisse seltsam aneinanderreiht und kommentiert, so dass die Dokumentation ad absurdum geführt wird. Es entsteht eine Art Fake-Dokumentation. Dieses dokumentarische Festhalten zeigt die Unmöglichkeit der Wiedergabe der Realität.

In einem anderen Stück, „Riding on a cloud“ berichtet der Bruder von Mroué aus seinem Leben. Er ist ein Opfer des Krieges, angeschossen mit siebzehn. Seitdem lebt er mit diversen Behinderungen. Zu Beginn des Stücks sagt er : „Ich bin nicht ich, ich spiele mich.“ Der Ort des Theaters ist auch ein Ort, an dem das Ich etwas anderes sein kann. Sein Ich wird im Verlauf des Stücks zerlegt, über Tonbandaufnahmen und Videomaterial. Seine Geschichte wird dadurch zu einer größeren Geschichte. Eine Geschichte über Krieg, Biographien, Einzelschicksale, Politik und Theater. Das Stück zeigt, wie wenig man an das Leben des Einzelnen herankommt. Es entsteht eben kein allgemeingültiges Narrativ. Sondern ein fragmentiertes Bild eines Mannes, der genauso gut ein anderer sein könnte.