13. Feburar 2016, Stuttgart 2. Workshop, Tag 2

Spannung

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Wir berichten wir alle von unseren Träumen. Ein Alptraum jagt den nächsten. Wir kommen zu folgenden Einsichten: Träume im Rauschzustand haben eine andere Qualität als Träume im nüchternen Zustand. Träume aus Konsumphasen sind oft geprägt von Angst, körperlicher und physischer Gewalt gegen sich selbst oder durch und an anderen. Der eigene Körper ist in den Träumen oft heftigen Veränderungen ausgesetzt. Lähmungen treten auf, man steht dem Körper ohnmächtig gegenüber. Eine interessante These ist, dass die Gefühle während des Konsums betäubt sind und die Psyche sich in den Träumen ihre emotionale Bewegung grausam zurückholt. Träume in cleanem Zustand handeln oft von Suchtdruck, Rückfällen und Exzessen.  Über die Bedeutung der Träume gibt es ganz unterschiedliche Auffassungen. M. sieht in ihnen Botschaften aus dem Jenseits, Informationen der „Askasha Chronik“, bei den Esoterikern das „Buch des Lebens“ genannt. Es enthält in immaterieller Form ein allumfassendes Weltgedächtnis. Andere vertreten eher den Freud’schen Ansatz, dass Träume Botschaften des Unterbewusstseins enthalten.

  „Ich spreche im Schlaf immer Latein, obwohl ich kein Latein kann.“

T.

Meine Frustration von gestern findet Gegner und Verbündete. Alle sind sich einig, dass wir es innerhalb eines Tages geschafft haben, eine derartige Vertrauensbasis herzustellen, dass wir alle offen über intime Gegebenheiten der eigenen Person zu sprechen wagen. Gleichzeitig taucht die Frage auf, wie wir innerhalb des Workshops zu etwas kommen wollen, wenn ständig wechselnde Teilnehmer anwesend sind, die Entscheidungen aber demokratisch getroffen werden sollen. Im Subtext scharren einige, wie auch ich, mit den Hufen. Wir halten als Frage fest: Wie gehen wir konstruktiv mit der Tatsache der wechselnden TeilnehmerInnen um?

Zwiebelartig entspannten sich im Laufe des zweiten Workshoptages einige Konflikte. Zuerst geraten H. und T. aneinander. Der strikteste Abstinente mit dem Wahlkonsumenten. Wer nimmt hier welchen Raum ein? Sind die Beiträge in konsumierendem Zustand zu abweichend, sowohl auf formaler als auch auf inhaltlicher Ebene? Es geht gleichzeitig um fehlende Selbstwahrnehmung und gekränktes Ego. Das Machtgefälle von gestern spinnt sich weiter. Einige der Abstinenten greifen die Konsumierenden direkt an, sich zu unsensibel in der Gruppe zu verhalten. Es folgen Zensurvorschläge betreffend abgefahrener Drogengeschichten. Über Vampire, die Blut mit Meskalien trinken, dürfe nicht mehr geredet werden.

Meine Herz rast bei dieser Diskussion. Ich habe Angst, dass die Konsumierenden den Workshop verlassen, weil sie sich zu sehr in den Ecke gedrängt sehen. Wenig später geht M. tatsächlich. Es sei ihr alles zu viel. Es gehe hier nicht um Konsum-Abstinenz, sondern um ein Ego-Probleme, danke. Wer bekommt hier wieviel Aufmerksamkeit? Plötzlich wird alles in Frage gestellt. Was machen wir eigentlich hier? Worum geht es? Wir produzieren nichts. Es tut sich ein Begriffspaar auf: „Rumeiern“ vs. Kontrolle. Wir wollen alle mehr Struktur, mehr Plan, mehr Führung, ohne dabei durch zu viel Kontrolle in blinden Aktionismus zu verfallen. Wundersam eröffnet uns diese Verkettung von Konflikten eine neue Perspektive für die nächsten Workshops. Endlich ist das Klischee einmal wahr: Konflikte bringen einen weiter!

„Irgendwie hat das Theater doch schon angefangen.

Ein Theater wie man ein Theaterstück macht.“

M.