11. Februar 2016, Stuttgart

Gott

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10:00 Uhr

Es ist Promo-Tag. Wir essen uns durch die Caritas-Einrichtungen. Es gibt Frühstück im Sleep Inn, der Stuttgarter Notübernachtungsstelle. Viele habe hier ihren festen Wohnsitz. Es gibt Einbettzimmer mit Fernseher. Die Wäsche wird auf Wunsch gewaschen. Mehrere Caritas-Mitarbeiter haben hier ihr Büro, auch Marvin unser Projektpartner vom Projekt Plus. Immer wieder trifft man Menschen, die eine Unmenge von Plastiktüten ins oder aus dem Sleep Inn schleppen. Auch Alice stand damals so vor der Tür, als ich sie abholte, um sie auf die DEMOs zu bringen. Nachts gibt es nur den Sicherheitsdienst. Einige, auch Alices Mann, sind hier an einer Überdosis gestorben. Ich frage Marvin, ob ich mal eine Nacht im Sleep Inn übernachten kann, probehalber.

Ein russischer Mann erzählt mir von den Nephilim, den Riesenmenschen. Gefallene Engel, Mischwesen, halb Mensch – halb Engel. Meist von böser Natur, mit der Gabe Dämonen zu töten. Bei archäologischen Ausgrabung fand man im 19. Jahrhundert tatsächlich riesenhafte Skelette. Für ihn ein Gottesbeweis. Ich treffe in der Szene ständig auf tiefgläubige Menschen. Der Russe hat immer eine Bibel dabei. M. aus unserem Workshop erzählt mir bei unserer ersten Begegnung direkt von ihrem einzigen Freund: Gott. H. spricht auch ständige von „seinem Herrn da oben“. Alice glaubt an Quantenphilosophie, an die Gleichzeitigkeit der Dinge, daran, dass alles durch eine kollektiv vibrierende Energie miteinander verbunden ist. Das Bewusstsein ist Teil dieser Energie und kann dadurch auch Materie umgestalten. Da, wo die Materie, die Umwelt, der eigene Körper versagt, vollzieht sich als Rettung der Glaube, als letzter Zugriff auf den Zerfall. Ich kann Alice immer noch spüren, selbst nach so vielen Monaten. Kann ich mit meinem Bewusstsein ihre Materie gestalten? 

Wieder am Tisch im Sleep Inn. Ein junger Mann ist besonders begeistert. Er hatte sich am Abend zuvor das Stück „Sündenbock“ in der Rampe angeschaut und sich sehr gut mit Martina verstanden. Euphorisch schwärmt er davon, sich in der „Rakete“, der Bar von Theater Rampe, als Barmann zu bewerben. Er ist ein Koksjunkie. Mehrere sind begeistert, versprechen zu kommen, wollen unbedingt dabei sein. Real kommt am nächsten Tag niemand zu dem Workshop.

12:00 Uhr

Am selben Vormittag in der Leopoldskirche. Hunderte von Obdachlosen und Bedürftigen behausen die Kirche und sättigen sich, an langen Tischen sitzend, an einem gratis Mittagessen. Einige rege im Gespräch, andere sitzen stumm da. Auf den Kirchenbänken schlafen Menschen. Ich denke an Krieg. Auf dem Altar liegt die Bibel aufgeschlagen.

Jeremias Klage und Trost

1. Ich bin ein elender Mann, der die Rute seines Grimmes sehen muss.

2. Er hat mich geführt und gehen lassen in die Finsternis und nicht ins Licht.

3. Er hat seine Hand gewendet wider mich, und handelt gar anders mit mir für und für.

4. Er hat mein Fleisch und meine Haut alt gemacht und mein Gebein zerschlagen. (…)

10. Er hat mich vermauert, dass ich nicht heraus kann, und mich in harte Fessel gelegt.

11. Er hat mich zerstückelt, er lässt mich den Weges fehlen

Am Ende wird doch alles gut.

22. Die Güte des Herrn ist, dass wir nicht ganz und gar sind. Seine Barmherzigkeit hat noch kein Ende. 

23. Sondern sie ist alle Morgen neu und seine Treue ist groß.

Vor der Kirche treffen wir auf einen alten Bekannten von der Paulinenbrücke, den Punker. Er ist voll „drauf“ und sehr in Rage. Neben ihm eine dunkelhäutige Frau, Mitte vierzig, die kaum deutsch spricht. Beide schimpfen über Flüchtlinge. Der deutsche Staat hat versagt. Die Flüchtlinge müssen weg.

„Wir leben auf der Strasse und die bekommen das Geld in den Arsch gesteckt? Mein Scheißleben wünsche ich meinem ärgsten Feind nicht.“ 

Punker

Sind die Junkies die neuen Rassisten? Ein Battle um die untersten Plätze. 

„Ich habe mir schon überlegt, ob ich mir ’nen Bart wachsen lasse und zum Islam konvertiere, dann krieg ich auch 600€ im Monat.“

T.

Mittags ein Gespräch mit Marvin und Rainer von der Caritas. Es gibt eine neue Auflage. Es darf in den von der Caritas mitfinanzierten Projekten nicht öffentlich konsumiert werden: keinen Alkohol, keine harten Drogen, keine Substitute. Raucherpausen sind erlaubt. Das werden wir morgen im Workshop diskutieren müssen. 

17:00 Uhr Clean-WG

Hier stelle ich in intimer Runde unser Projekt bei den Bewohnern vor. Drei von ihnen kenne ich bereits vom ersten Workshop. Es gibt einen neuen, sehr begeisterten Interessenten.