10. Januar 2016, Stuttgart 1. Workshop, Tag 2

Nüchternheit?

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„Sucht ist ein decodiertes , das heißt verdunkeltes
und entsprachlichtes Verlangen nach Befreiung vom
Existenzzwang. Sie ist der Ernstfall der Privatreligion.“
Peter Solterdijk 

11: 00 Uhr

Alle sind wieder da. Nur M. fehlt, was mich nicht überrascht. Kenne ich ja schon von Alice. B. hat einen eigenen Text mitgebracht. Er sagt, er war nach dem ersten Workshop-Tag ganz „wuschig“, was ein gutes Zeichen zu sein scheint.

„In Wahrheit braucht kein Mensch einen Sinn zu leben.“
B.

Die Gruppendynamik ist erstaunlich gut, obwohl wir so eine heterogen Gruppe sind. Alle sind total begeistert von dem Text und davon, dass B. sich traut seinen Text vor der Gruppe vorzutragen. Das Ganze hat etwas von einer Selbsthilfegruppe. Brauche ich vielleicht auch Hilfe? Wir sprechen lange über den Rausch und verschiedenen Erlebnisse der Einzelnen im Rausch. Warum berauschen wir uns? Welche unterschiedlichen Formen des Rausches gibt es?  Ist es der Rausch sinnvoller, wenn ich weiß, warum ich mich berausche? Wie kann ich mich ohne Drogen berauschen? Durch Arbeit, Liebe, Entzug. Das Clean-Sein als euphorischer Trip. Sollten wir immer berauscht sein?

Am Ende kommt eine Frage, bei der alle die Luft anhalten. Lohnt es sich für die Klarheit der Nüchternheit den Rausch aufzugeben und ist die Nüchternheit wirklich attraktiver als der Rausch?  Bravo, gleich im ersten Workshop.

„Ich stelle mir ganz oft die Frage, was mir lieber wäre: ein Leben lang einen klaren Kopf haben oder ein Leben lang verballert sein. Da muss ich ganz ehrlich sagen, ich bin mir nicht sicher, ob ich den Verballerungszustand nicht doch angenehmer finde.“
C.

Das Wertesystem kommt ins Wanken. Die Konsumierenden sind die Mutigen und die Kreativen und die Abstinenten die Ernüchterten. Bewegen wir uns jetzt in gefährlichem Gewässer für die Abstinenten? Werden jetzt alle rückfällig? Und was bedeutet das dann für unseren Workshop?