18. Dezember, Stuttgart

Der Startschuss

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Wir sind in Stuttgart, im Astoria Hotel. Flo findet es optimal, sowie er alles liebt, was möglichst runtergekommen ist. Versteh ich nicht. Das Treffen heute ist super wichtig. Alles Kooperationspartner kommen zusammen, das erste Mal ist auch der Geldgeber dabei. Ich ziehe ein hübsches Kleid an. Putze mich raus, um meine Müdigkeit zu vertuschen. Trotz riesiger Freude pfeife ich aus dem letzte Loch. Ich arbeite zu viel, komme nicht hinter her. Florian ist hervorragend gelaunt. Guter Ausgleich. Martina Grohmann kommt aus Brüssel angeflogen, bester Laue, sie strotzt vor Energie.

Das Treffen läuft toll. Ich quatsche etwas zu abstrakt und Florian reißt das mit eine paar klaren Worten wieder raus. Martina überstrahlt alle mit ihrem Charisma. Alle sind happy. Ich überlege kurz, ob ich eine Kokskarriere beginnen soll, wäge die Fürs und Widers ab, lege mich dann einfach schlafen.

Am nächsten Tag sind wir an den einschlägigen Orten unterwegs und verteilen unsere Flyer mit mittelmäßigem Erfolg. Zwischen den Drogen, den Pissflecken, den netten Menschen mit Gehilfen, den Unansprechbaren und dem mit kleinen Schnapsflaschen geschmückten Baum steht plötzlich ein Kind. Mir stockt der Atem. Ein Mann kauft ein paar Pillen bei einem anderen, er ist der Vater des Mädchens. Das Mädchen ist ca. zehn Jahre alt. Sie wird freundlich begrüßt, man gibt ihr ein Bonbon. Irgendwie rührend, dass ein Junkie ein Bonbon in der Tasche hat.

Es gibt Gerüchte, Alice sei zwangsmäßig in die Psychiatrie an der Paule eingewiesen worden. Wir gehen sofort in die Klinik. „Münzenmayer? Unbekannt.“ 

Später im Zug geht mir das Mädchen von der Paule nicht mehr aus dem Kopf, ihr erwachsen wirkendes Lachen, ihree breite Nase. Sie hat vermutlich das fetanale Alkoholsyndrom, eine genetische Veränderung bedingt durch Alkoholkonsum in der Schwangerschaft.

Meine Vater hat mich auch mit zu seinen Drogendeals genommen. Ich stand als achtjährige tagsüber in einem leeren Kieler Club während mein Vater wahrscheinlich dealte. Der Chef machte für mich die Musik an und ich tanzte alleine auf leerer Tanzfläche. Geborgenheit oder verloren sein? Beides. So wie es mit Clubs immer ist, sie sind eine Mischung aus Heimat und Abgrund.

Habe ich eigentlich eine Verantwortung für dieses Mädchen? Hätte ich eingreifen können oder sollen?

Hätte mir jemand damals helfen können? Mein Vater kam kurze Zeit später ins Gefängnis. Was hat mich mehr traumatisiert? Ein Vater der mich mit den Kieler Untergrund nahm und zugedröhnt mit mir die Wochenende verbracht hat, oder ein verloren gegangener Vater?