21. August 2015, Stuttgart Abends

Verortung

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Florian und ich sitzen zusammen und reflektieren die letzten Wochen. Es geht um die Beziehung zwischen mir und Alice. Mir wird klar, dass die Wochen bisher wenig mit konkreter Kunstproduktion zu tun haben. Ich bereite etwas vor. Ich bereite Alice und mich darauf vor, dass wir vertrauensvoll miteinander arbeiten können. Schließlich geht es bei dieser Arbeit nicht um irgend ein Thema, sondern um Alice‘ private Geschichte. Es ist ein Projekt über den Großteil ihres Lebens. Sie wird ganz schön die Hosen runter lassen, wenn es gut geht. Darum nenne ich diese erste Phase „Liebe geben“.

Florian stellt mir ein paar gute Fragen, hier eine kryptische Mitschrift meiner Antworten.

Florian: Wie hast du die Arbeit mit Alice in den letzten Wochen aus deiner Perspektive erfahren? An was hast du genau gearbeitet? Was ist deine Rolle dabei?

Rabea: Ich leih mich ihr ein Jahr aus als Freundin, das ist das Projekt. Das ist nicht uneigennützig. Ich geh in ihr Leben rein, das ist meine Arbeit. Wie ich bisher verfahren bin. Mein Plan war ihr Liebe zu geben. Ich hab ihr das Gefühl gegeben, geliebt zu sein von mir. Um sie darauf vorzubereiten, dass sie in der nächsten Phase auch einen Konflikt aushalten kann. Konflikte kann man nur aushalten, wenn man eine Basis der Liebe hat. Wobei ich jetzt nicht sagen würde, dass ich sie liebe. Das ist so was wie eine Menschenliebe, die ich ihr versuche zu vermitteln. Ich verhalte mich ihr liebevoll gegenüber. Liebe ich sie? Ich erfülle bestimmte Qualitäten von Liebe: den anderen annehmen, so wie er ist. Sich interessieren für den Anderen. Dem anderen das Gefühl geben, dass es richtig ist, wie er ist. Ich bin empathisch. Wir teilen Dinge miteinander. Taten und Gefühle. Wir haben die letzten sechs Wochen unseren Tagesinhalt miteinander geteilt. Ich habe dies und das getan, und habe mich so und so gefühlt dabei. Ich begebe mich in eine Situation rein und trete wieder heraus, wenn das Telefonat beendet ist. Es ist eine momentgebundene Liebe. Ich schütze mich davor. In dem Moment lass ich das zu und dann zieh ich mich raus. Ich liebe sie und liebe sie nicht, zur gleichen Zeit. Keine vorgespielte Liebe. Ganz authentisch. Es fällt mir überhaupt nicht schwer, das zu geben.

Sie gibt mir ja auch etwas. Sie ist ein Sonnenschein. Sie gibt mir gute Laune. Ich krieg oft gute Laune, wenn wir quatschen. In dem ganzen Scheiß gibt es immer einen positiven Moment, wo man drüber lachen kann. Ich mag sie einfach sehr. Wenn ich mir ihren Achim (ihren Ex-Freund) anschaue, der geht mir total auf den Keks. Ein Ekelpaket.

Wenn ich jetzt so eine echte Freundschaft eingehen würde, dann gebe ich etwas von mir preis, ich zeige mich auch in meinen schwachen Momenten und suche Begegnung, wenn es mir schlecht geht. Das würde ich nicht tun mit ihr. Obwohl, das weiß ich nicht, vielleicht würde ich das auch tun. Ich würde es tun, um es auszuprobieren. Es ist für mich alles eine Form von Experimentieren. Was passiert mit der Beziehung, könnte sie das aushalten, dass ich Hilfe brauche? Das ist genau die Distanz. Ich leihe mich aus für ein Experiment. Ich leih jetzt nicht nur mein Intellekt aus, sondern alles was dazugehört. Ganz bewusst, das ist gelebt, inszeniert und reflektiert.

Florian: Ist das nicht Manipulation?

Das weiß ich noch nicht. Der Unterschied ist ja auch, dass ich Liebe gebe. Aber anders als in einer Beziehung erwarte ich keine von ihr. Wenn ich eine Freundschaft eingehe, mach ich das ja nur, wenn ich weiß, wir tauschen Liebe aus. Bei Alice ist das ja bedingungslos. Wenn sie es scheiße findet, würde ich trotzdem weitermachen. Weil das das Konzept ist. Das kann sich auch wandeln aber danach habe ich bisher gehandelt.
Allerdings will ich natürlich auch, dass sie was leistet. Sie soll halt das Projekt mit mir machen, mit mir arbeiten. So gesehen ist das schon Manipulation.

Florian: Und warum macht Alice das alles mit?

Weil sie einfach aus der Scheiße raus will. Sofort bei unserem ersten Gespräch hat es „zack“ gemacht. Sie wollte schon immer zum Theater. Sie wollte sofort anfangen. Sie hat gesehen, dass ich dachte: „Aha, da findet ein Junkie Theater toll. Das ist doch großartig, dass ein Junkie gesehen werden will.“ Von da an hat sie mich nicht mehr los gelassen. Und Alice denkt, dass sie mit dem Theater von der Sucht wegkommt. Sie sieht in dem Theater ihre Heilungschance. Ich leih mich ihr aus und sie leiht sich mich aus. Ich bin ja auch nur so ein Strohhalm der vorbei hopst.