13. August 2015, Langeland Dänemark

Rückfall

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Alice ist rückfällig geworden. Sie hat ihren Ex-Freund in der Clean-WG aufgenommen und damit gegen die Grundregeln der WG verstoßen. Ihr (Ex-?)Freund bietet ihr Drogen und Alkohol an, sie nimmt an. Fünf Tage nach dem Entzug der erste Rückfall. Alice schämt sich und geht Tage lang nicht ans Telefon. Mir sind die Hände gebunden. Zum nächsten Termin in der Clean-WG erscheint sie und gibt eine BK (Blutkontrolle) ab. Alkohol und Kokain. Achim hat sie aus der Wohnung geschmissen, trotzdem hängt sie jeden Tag an der Paule. Sie verliert ihre Schlüssel und ihre Krankenkassenkarten. Sie wacht in einem fremden Bett, neben einem 26jährigen Mann auf. Alice gibt sich eine Woche nach dem Entzug so richtig die Kante. Ich versuche in Dänemark Urlaub zu machen. Tägliches Sprechen mit der Clean-WG, ich bitte sie um eine Einschätzung. Meine Freunde halten unsere Alpenüberquerung für unrealistisch.
Ich geben noch nicht auf. Die Gespräche mit Alice werden wieder klarer.

Ich bitte sie aufzuschreiben, was mit ihr passiert, kurz vor einem Rückfall. Was fühlt sie dann? Was fehlt ihr? Woran denkt sie? Wie verhält sie sich? Was ist das, Suchtdruck? Ich will das wissen, um darauf mit Kunst reagieren zu können. Ich will ihr Kunst und künstlerischen Tun zur Verfügung stellen und ihr damit eine Alternative bieten.

Bin ich eigentlich total naiv? Der ganze Ansatz scheint mir plötzlich wahnsinnig idiotisch. Ich spiele mich als ihre Therapeutin auf, nicht als Künstlerin. So geht das nicht. Unsere Beziehung ist inzwischen so stark, dass ich so etwas wie ihre Begleitperson geworden bin. Die Caritas spricht mit mir inzwischen völlig vertrauensvoll, als wäre ich Alice Familie. Wo ist meine Forschungsfrage? Wie gehe ich das jetzt konkret an?

Alice trinkt nach der BK weiter Alkohol und nimmt sogar Subutex. Sie weint am Telefon und hat Angst „vor die Hunde zu gehen“. Gestern hat sich Alice entscheiden wieder in die geschlossene Station, die P1B zu gehen, wenigsten bis zur Wanderung, anders schaffe sie es nicht, sagt sie.
Der Tag vergeht. Ich telefoniere um zehn Uhr morgens mit ihr. Sie sagt, sie habe Angst und könne nicht gehen, weil sie ihren Haustürschlüssel verloren hat. Wie telefonieren fünf, sechs, sieben mal. Um drei Uhr trifft sie endlich in der Clean-WG ein. Ihre Betreuerin hält den Aufenthalt in der P1B für eine gute Idee. Alice macht sich auf den Weg.

Um 18:00 Uhr sprechen wir wieder. Alice ist inzwischen völlig betrunken an der Paule. Ich sage ihr, dass ich es für das Beste halte, die Reise abzusagen. So werden wir das nicht schaffen. Sie will sich dann auf den Weg machen, endlich gehen. Bisher habe ich noch keine Nachricht von ihr.

Ich brauche mehr Professionalität. Vielleicht brauchen wir doch ein Ausgangsmaterial, eine Dramenvorlage. Alice und ich müssen an konkreten Dingen arbeiten. Ich werde mir mit ihr den Parzival vornehmen. Diesen Text werden wir gemeinsam laut lesen.

Meine Vater sagte gestern zu mir: „Misch dich nicht in ihren Entzug ein. Mach Kunst mit ihr und mehr nicht. Sonst kannst du deine Forschungsfrage nicht objektiv untersuchen.“ Er hat recht. Kann Kunst heilen? Kunst ja, ich nicht. Ich gebe dem Alpenprojekt noch bis morgen früh. Der Parzival (die Gralssuche) wird dann unser Begleittext. Wenn überhaupt.

Am Abend gegen 22:00 Uhr. Alice sitzt im Krankenwagen. Sie wird von einer Klinik zur anderen gebracht. Auf der P1b lässt man sie nicht rein, weil Alice‘ Ex-Freund Achim sich ebenfalls eingewiesen hat und das Krankenhauspersonal eine Konfrontation vermeiden will. Darum bringt man sie mit dem Krankenwagen in die das Furthbachkrankenhaus, eine psychatrische Klinik. Von ihrem Fenster aus schaut Alice direkt auf die Paule. Geht es noch ironischer? Diesem Ort kann sie einfach nicht entkommen. Wenigsten schaut sie jetzt von oben auf die Dinge. Alice ist guter Dinge. Ich bin völlig erschöpft.