31. Juli 2015, Amsterdam

Urlaub

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Seit einer Woche bin ich in Amsterdam und mache so etwas wie Urlaub. Alice und ich telefonieren täglich und ich hatte einige interessante Gespräch mit Freunden über das Projekt.
Alice Tage verlaufen ruhig und zugleich sehr extrem.

An zwei Tagen bekommt sie drei Zähne gezogen. Ein neu angekommener Patient bietet den anderen Patienten heimlich Drogen an. Er dealt in der Entzugsklinik. Alice flippt aus und meldet den Vorfall der Klinikleitung. Ein paar Tage später klaut ihre Zimmergenossin ihren Tabak. Vorgestern war Alice das erste Mal richtig „entzügig“, mit starken Krämpfen in den Beinen, starkem Schwitzen und Schlafentzug. Ich merke ihre psychische Labilität. Sie will mit Achim, ihrem Exfreund, sprechen. Ich mache mir Sorgen und merke, dass sie sich von mir entfernt. Sie lässt mich zwar an ihren inneren Prozessen teilhaben, aber letztendlich bleibt ihre Sucht doch geheim. Ich verstehe sie nicht.

Wir müssen das Thema Sucht doch gemeinsam untersuchen. Die Prozesse. Die Phasen. Die innere Vorgänge. Und dann alternative Strukturen über die Kunst suchen. Aber die Sucht steht im Raum, wie das große Unbekannte, das große Geheimnis, der Elefant. Eintauchen in Alice ist der erste Teil des Projekts, sie verstehen.

Das Konzept festigt sich. Die Forschungsfrage lautet jetzt: Kann Kunst heilen? In der Art einer ethnologischen Fallstudie, gehe ich methodisch wie folgt vor:

  1. Ich erforsche aktiv teilnehmend (teilnehmende Beobachtung) Alices Alltagsleben (natural setting).
  2. Ganzheitlich (holism) untersuche ich Alice Lebensumstände, ihre Bezugspersonen (die Szene, ihre Familie) ihre Suchtgeschichte und die Sucht in ihren diversen Facetten.
  3. Ich entwickle ein beschreibendes Verständnis (deskriptive oder dichtes Verständnis). Ich werte nicht.

Ich versetzte mich in Alice und versuche aus ihrer Perspektive das Problem (die Sucht) zu betrachten und nach Lösungsansätzen zu forschen (Wie kann Kunst heilen?). Ich beziehe es mit in meine Auswertung ein, dass ich Alice Situation nie objektiv wahrnehmen werde, weil ich immer von meinen Erwartungen und meinem Vorwissen beeinflusst sein werden. Darum geht es letztendlich um meine Interpretation, meine Deutung von Alice, ihrer Lebenssituation und ihres „Problems“.

„Das Deuten besteht darin,
das «Gesagte» […] dem vergänglichen
Augenblick zu entreißen.“
Clifford Geertz